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Tagblatt Online, 21. Juli 2008 01:01:06

Zwischen Asphalt und Idylle

Wie die Agglo zum regionalen Dorf zusammenwächst: Sechs Stunden auf dem Jakobsweg von Rorschach über St. Gallen nach Herisau

Zoom

Beim Eingang von Herisau: Blick zurück auf 24 Kilometer und 375 Höhenmeter. Noch 2300 Kilometer bis Santiago de Compostela. (Bild: Bilder: Daniel Klingenberg)

ST.GALLEN. Mit den Füssen beten und dabei zu sich selber finden: Scharenweise folgen die Pilger diesem spirituellen Lockruf. Die Region St. Gallen hat den Pilgerweg zum Grab des Jakobus im spanischen Santiago de Compostela vor der Haustür.

Mit den Füssen beten und dabei zu sich selber finden: Scharenweise folgen die Pilger diesem spirituellen Lockruf. Die Region St. Gallen hat den Pilgerweg zum Grab des Jakobus im spanischen Santiago de Compostela vor der Haustür. Also: Wer sein Flair für das Selbsterfahrungswandern testen will, nimmt die Strecke Rorschach–Herisau in Angriff. Sie wird in der einschlägigen Literatur als Tagesetappe gehandelt.

Unten Autos, oben Strom

Gestartet wird am Rorschacher Hafen. Mit einer Prise Seeluft in der Nase geht es über den Pausenplatz des Pestalozzi-Schulhauses Richtung Südwesten. Immer schön den Schildern der Via Jacobi 4 gefolgt, ist der Weg nicht zu verfehlen. Der Blick auf den See zeigt eine durchgehend besiedelte Uferzone. Niemand käme auf den Gedanken, dass diese aus mehreren politische Gemeinden besteht und gerade Fusionsgespräche gescheitert sind.

Dann stösst man auf Goldacher Boden zu den Nervensträngen der Moderne mit ihrem Grundrauschen vor: Transitachsen. Nach der Autobahn-Überquerung – über dem Kopf schweben Hochspannungsleitungen – nähert sich die Idylle in Gestalt von Schloss Sulzberg und dessen Schlossweiher.

Lehrpfad der Zersiedelung

Auf dem Weg Richtung Untereggen verdichtet sich der Eindruck: Es gibt unberührte Flecken, Siedlung und Verkehr sind aber stets gleich um die Ecke. Abgeschiedenheit gibt es hier nicht. Alle 19 Sekunden wird im Kanton St. Gallen ein Quadratmeter überbaut, Richtpläne von Kanton und Gemeinden sollen die bauliche Entwicklung steuern. Angelpunkt ist, wo der Verkehr fliessen soll. Die Kantonshauptstadt allerdings hat natürliche Grenzen: Das Martinstobel, Flussbett der Goldach, wo Mönch Notker vor Schreck «Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen» gedichtet haben soll, ist östlicher Abschluss. Immer wieder spiegeln sich Idylle und Zivilisation: Zwischen Bauernhäusern winkt eine postmoderne Pyramide, bis hart an den Stadtrand grasen Kühe. Vögel zwitschern, Autos zischen. Die Jakobsweg-Etappe ist ein Lehrpfad der Zersiedlung, überall sind Stadt-Land-Schnittstellen.

Voyeur-Blick in Wohnstuben

Über die Achslen geht es auf viel Asphalt stadteinwärts. Der Weg führt unmittelbar vor den Wohnhäusern vorbei – der unvermeidbare Blick in die Stuben fängt intime Details ein. Vom Neudorf bis zur Kräzern-Brücke sind es knapp neun Kilometer, der Jakobsweg wird zur Stadtwanderung. Man stellt sich die Pilger aus Süddeutschland vor und kommt zum Schluss: Was im Stadtbewohner-Alltag selbstverständliche Kulisse ist, sehen die Auswärtigen als farbig-schnucklige Altstadt.

Gegen Westen wechseln wieder Wohnblöcke, Fabrik- und Gewerbebauten ab. Die Kapelle beim Burgweier ruft die religiöse Motivation in Erinnerung. Dann folgt ein unbekanntes St. Gallen: In die Brache bei der Empa, Burgweierbach und Hochsicherheits-Schrebergärten verirrt sich niemand.

Zu Fuss zur Selbsterkenntnis

Anders beim Gübsensee: Hier tankt die Agglo Sonne. Dann naht Herisau. Die Füsse tun weh, der Kopf ist voller Bilder. Im Zug nach St. Gallen wird Bilanz gezogen. Ein Tag Selbsterkenntnis-Trip macht empfänglich für die strapazierte und belächelte Wendung: der Weg ist das Ziel. Daniel Klingenberg





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