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Tagblatt Online, 05. August 2010 01:02:04

Zivilcourage ist kein Spaziergang

Zoom

Wie eingreifen? Ein Besucher im Stadtpark verschmiert eine Bank. Hinten Teilnehmer des SP-Anlasses. (Bild: Bild: Coralie Wenger)

Der letzte Teil des SP-Sommerprogramms bringt die Gefühle der Teilnehmer in Wallung. Denn sie haben in gespielte Szenen von Gewalt, Vandalismus und Anmache einzugreifen. Eine Erkenntnis: Zivilcourage benötigt Fingerspitzengefühl.

Fredi Kurth

Als sommerliche Stadtspaziergänge zum Thema «Wem gehört der öffentliche Raum?» waren die drei Rundgänge der SP angekündigt. Doch der dritte Abend war weder sommerlich noch beschaulich. Er war spannend, oft erschreckend, verlangte aktives Mitwirken. Zwei angereiste Schauspieler und eine Schauspielerin des Berner Forumtheaters «Konfliktüre» testeten in drei Szenen die Zivilcourage der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Einzugreifen und zu schlichten, war freiwillig.

Da es sich aber nur um ein kleines Grüppchen handelte, stand im öffentlichen Raum die dringliche Aufforderung, doch bitte mitzutun. Schon in diesen supponierten Situationen bedurfte es der Zivilcourage. Denn die drei Akteure versetzten einen in eine Welt, die plötzlich real erschien.

Szene 1: Eine Schlägerei

Der Anlass ist nichtig: Ein Strassenfeger lacht, als er auf dem Hintern einer Frau einen Kleber entdeckt.

Die Frau indessen bedeutet ihrem Begleiter Marco, dass der Putzer ihr unsittlich auf den Po gestarrt habe. Marco reagiert aggressiv. Die Situation eskaliert. Die beiden beginnen sich zu prügeln. Ein Teilnehmer versucht, die beiden zu trennen, ist selber ob des Vorfalls leicht empört. Da wird der Begleiter der Frau noch wütender. «Stop!» Andi Geu, der Moderator des Abends, unterbricht. Die Szene wird besprochen, dann «zurückgespult», wie Geu sagt. Andere Reaktionen werden geprüft.

Dabei bekommt Stadtparlamentarierin Doris Königer, die den Anlass für die SP begleitet, von Marco eine Schimpftirade zu hören wie wahrscheinlich noch nie im Leben. «Wichser» scheint sein Lieblingswort zu sein. Eine Teilnehmerin versucht mit Worten zu schlichten, was schliesslich zum Erfolg führt.

Geus Fazit: Man darf den Angreifer nicht berühren, auch nicht leicht. Man weiss nicht, wie die Beteiligten reagieren. Nur wegsehen ist aber nicht der Weisheit letzter Schluss.

Besser: Mit Worten ablenken. So von den Schlägern wahrgenommen zu werden, kann entscheidend sein.

Szene 2: Vandalismus im Park

Ein Mann und eine Frau vergnügen sich bei lauter Musik und bierseliger Laune auf einer Bank des Stadtparks. Ein zweiter Mann kommt mit einem in der Nähe entwendeten Velo herangebraust und lässt es dann mit Schwung in die Wiese sausen. Ein Abfallkorb wird ausgeleert. Die Bank wird beschmiert. Im Vergleich zur ersten Szene wirkt diese eher erheiternd.

Ein Eingreifen erscheint weniger bedrohlich. Doch auch hier wäre Zivilcourage gefragt. Eine Teilnehmerin findet, ein Velo zu entwenden und so zu behandeln, sei nicht gerade gentlemanlike. Marco, wieder er, macht auf Kumpel und verlangt von ihr eine Zigarette, die sie prompt liefern kann. Die Szene entspannt sich.

«In einer solchen Situation geht es darum, dass die Beteiligten mit dem Unfug aufhören», sagt Geu. Das Ziel werde vielleicht nicht auf Anhieb erreicht, weil in der Gruppe niemand das Gesicht verlieren will. Am Anfang werde die Musik vielleicht sogar noch lauter gestellt, zehn Minuten später sei aber kaum noch etwas zu hören.

Geus Fazit: Leute respektvoll behandeln, freundlich das Fehlverhalten kritisieren.

Szene 3: Belästigung im Bus

Zwei angeheiterte Geschäftsleute machen im Bus (abgestellt im Depot) eine Frau an. Einer berührt ihre Haare, sucht Körpernähe. Sie will sich entfernen, aber der andere stellt sich dazwischen. Eine Teilnehmerin in der Rolle des Fahrgastes schreitet ein, droht nun ebenfalls zum Opfer zu werden. Stop. Szene nochmals von vorne. Nun greift ein Mann ein, eine weitere Person gesellt sich dazu. Die Geschäftsleute lassen von der Frau ab.

Geus Fazit: Eine Frau, die in einer solchen Situation interveniert, tut sich schwerer. Ein Mann wird von den Kerlen eher akzeptiert. Hier ist mutiges Einschreiten weniger gefährlich als in Szene 1, weil die Szenerie weniger von Gewalt geprägt ist. Hier kommen häufig weitere Fahrgäste zu Hilfe, eventuell auch der Chauffeur, der ebenfalls alarmiert werden kann.





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