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Tagblatt Online
31. Oktober 2015, 09:21 Uhr

Wenn die Ruhezeit abläuft

Auch auf dem Friedhof in St. Georgen wird ab Mitte Januar abgeräumt. Von den vier städtischen Friedhöfen ist er der kleinste. Zoom

Auch auf dem Friedhof in St. Georgen wird ab Mitte Januar abgeräumt. Von den vier städtischen Friedhöfen ist er der kleinste. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST.GALLEN. Ab 15. Januar werden auf den städtischen Friedhöfen 205 Erdbestattungs- und 141 Urnengräber sowie 191 Urnennischen abgeräumt. Diese Zahlen werden in Zukunft anders ausfallen. Denn auch in der Bestattungskultur gibt es Trends.

PERRINE WOODTLI

20 Jahre lang befanden sich die Gräber und Urnen an ihrem Platz. 20 Jahre lang konnten Angehörige diesen Platz besuchen. Doch im Januar wird er verschwinden. Dann werden 205 Erdbestattungsgräber, 141 Urnengräber sowie 191 Urnennischen von 1995 und 1996 abgeräumt. Betroffen sind Grabfelder auf den Friedhöfen Feldli, Ost, Bruggen und St. Georgen. Vom 1. bis 14. Januar können die Grabeigentümer die Grabausstattungen, Grabdenkmäler und Dekorationsmaterialien entfernen. Dies tun gemäss Christoph Bücheler, Leiter des städtischen Gartenbauamts, aber die wenigsten. Grund dafür sei, dass auf den Gräbern «oft bloss Pflanzen und wenig Kostbares liege».

Früh genug informieren

Informiert werden die Grabeigentümer über die amtlichen Publikationsorgane. «Da nicht alle Zeitung lesen, informieren wir die Eigentümer mit einem Brief», sagt Bücheler und ergänzt: «Das Problem ist aber, dass die Datenbank der Grabeigentümer oft nicht mehr aktuell ist.» So werden 31 Prozent von allen Briefen retourniert. Zusätzlich werden bei den Grabfeldern bereits ein Jahr vor der Räumung Informationsschilder angebracht. «Das sollte dann jeder sehen, der einmal im Jahr das Grab besucht. Den meisten Eigentümern ist aber ohnehin bekannt, dass die sogenannte Pietätsfrist 20 Jahre dauert.»

Geräumt wird nur oberflächlich

Ab dem 15. Januar räumen die Mitarbeiter des Gartenbauamts die Gräber ab. Dies geschehe bewusst nach den Weihnachtsfeiertagen. So werden die Grabausstattungen wie Denkmäler und Blumenschmuck entsorgt und das Grabfeld wird eingeebnet und angesät. Bis an derselben Stelle wieder jemand bestattet oder beigesetzt wird, kann es gemäss Bücheler 40 bis 60 Jahre dauern. Dies könne man nur so handhaben, weil die Erdbestattungen in den vergangenen Jahren stetig abgenommen haben. Bücheler: «Bei einer Erdbestattung wird der Sarg tief unter der Erde vergraben. Viele denken, dass dieser nach 20 Jahren herausgeholt wird. Dabei räumen wir ein Grab nur oberflächlich ab. Die sterblichen Überreste bleiben für immer unter der Erde.» Die Urnen hingegen werden ausgegraben. Weil die Friedhöfe heute über genügend Reserven verfügen, wird der freigewordene Platz erst Jahre später wieder belegt.

Zum Vergleich: 1978 gab es auf den städtischen Friedhöfen 295 Erdbestattungen. 2014 waren es nur noch 66. 1978 gab es 505 Urnenbeisetzungen, im Jahr 2014 waren es 478. Heute werden 86 bis 88 Prozent der Toten in Urnen beigesetzt. Lediglich 11 bis 13 Prozent entscheiden sich für eine Erdbestattung. Von den im Jahr 2014 beigesetzten Urnen kamen 220 in ein Gemeinschaftsgrab. Dorthin führe auch der «Bestattungs-Trend».

Gemeinschaftsgräber und Natur

Heute gibt es Erdbestattung und Urnenbestattung in Form von Reihengräbern, Urnennischen, Urnenwänden, Gemeinschaftsgräbern, Familiengräbern oder die Möglichkeit, die Asche den Angehörigen zu überlassen. Oder man lässt die Asche einfrieren oder zu einem Diamanten verarbeiten – die Möglichkeiten sind zahlreich. Zunehmend seien Gemeinschaftsgräber gefragt, sagt Bücheler. Gründe für die Veränderung der Bestattungsformen seien unter anderem die fortschreitende Individualisierung der Gesellschaft, die zunehmende Bedeutungslosigkeit von Traditionen sowie der Rückgang der Kirchenmitglieder.

Heute werden auch zunehmend naturnahe Grünflächen als Beisetzungsorte gewünscht. «Wir fokussieren uns deshalb auf Gemeinschaftsgräber sowie auf Beisetzungsflächen in waldartigen und naturnahen Flächen», sagt Bücheler und ergänzt: « Eine aktuelle Idee ist, dass wir eine Blumenwiese als Bestattungsort zur Verfügung stellen.» Um die Friedhofskultur zu erhalten, müsse man sich den Entwicklungen anpassen und vielseitige Bestattungsarten und Beisetzungsformen anbieten. «Das Ziel ist schliesslich, die Friedhöfe attraktiv zu machen.»



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