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Tagblatt Online, 08. Juli 2010 01:02:43

Trinken bis zum Umfallen

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Trinkfreudig, aber doch sparsam: Bereits vor dem Ausgang wird wacker «gelötet», das kommt billiger. (Bild: Archivbild: Hannes Thalmann)

30 Jugendliche unter 16 Jahren wurden letztes Jahr mit einer Alkoholvergiftung ins Kinderspital gebracht. Das sind doppelt so viele wie 2008. Ob Ausreisser oder nicht, die Präventions- und Interventionsarbeit läuft auf Hochtouren.

Mirjam Bächtold

An den Wochenenden treffen sich Jugendliche auf verschiedenen Plätzen und trinken. Bier. Alcopops. Wodka. Oft in dieser Reihenfolge. Sie trinken, um Hemmungen loszuwerden. Um zu feiern. Oder einfach, um betrunken zu sein. Die Hemmschwelle, im öffentlichen Raum zu trinken, sei kleiner geworden, sagt Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe. Deshalb ist das Problem sichtbarer geworden. Wie viele Jugendliche sich an den Wochenenden betrinken, kann er nicht sagen. Über den Alkoholkonsum gibt es keine Statistik.

Beängstigende Entwicklung

Was aber messbar ist, sind die Einlieferungen ins Spital. Im Kinderspital, in das unter 16-Jährige mit Verdacht auf Alkoholvergiftung eingeliefert werden, habe in den letzten Jahren eine beängstigende Entwicklung stattgefunden, sagt Oberarzt Iso Hutter. Zwischen 1998 und 2003 waren es bloss ein bis drei Jugendliche unter 16, die eine Alkoholvergiftung erlitten. In den Jahren zwischen 2005 und 2008 lag die Zahl jährlich bei 15. Im letzten Jahr waren es 30 Jugendliche, die in der Notfallstation des Kispi behandelt wurden.

Wieso sich die Zahl plötzlich verdoppelt hat, kann Hutter nur vermuten. «Es könnte sein, dass ein Pilotprojekt dafür verantwortlich ist, das wir mit dem Kantonsspital zusammen durchführen», sagt Hutter. Vor dem Projekt sei eventuell auch mal ein 15-Jähriger im Kantonsspital gelandet. Gemäss diesem Konzept werde strenger darauf geachtet, unter 16-Jährige ins Kispi zu bringen. «Vielleicht ist deshalb die Zahl so rasant gestiegen.»

Diese Vermutung wird im Kantonsspital nicht bestätigt. Es seien nur etwa zwei oder drei Jugendliche vom Kantonsspital ans Kispi verwiesen worden, sagt Mediensprecher Daniel Steimer.

Weil in den letzten Jahren immer mehr Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Spital eingeliefert werden mussten, hat Iso Hutter gemeinsam mit dem Notfallarzt ein Konzept entwickelt.

Kinder und Jugendliche werden in zwei Gruppen eingeteilt: War das Trinken ein Ausrutscher, gehört der Jugendliche zur Low-Risk-Gruppe. War aber das Ziel, betrunken zu werden, oder hat der Jugendliche schon wiederholt getrunken, gehört er zur High-Risk-Gruppe. «Die Trink-Motivation ist entscheidend», sagt Hutter.

Erfreuliches Ergebnis

Nach der Erstversorgung im Spital werden alle Jugendlichen nochmals zu einer oder mehreren Sprechstunden eingeladen, wo das Problem thematisiert und über die Gründe für das Trinken gesprochen wird.

Dabei wird teilweise auch ein Jugendpsychologe beigezogen. Dass 88 Prozent der betroffenen Jugendlichen diese Sprechstunden besuchen, überrascht Hutter positiv.

Kein Geld für teure Drinks

Dass der Alkoholkonsum in der Stadt omnipräsent ist, bestätigt auch Jugendarbeiter Hansueli Salzmann. Vor allem könne man beobachten, dass Jugendliche und junge Erwachsene häufig vor dem Ausgang billigen Alkohol kaufen, damit sie an den Festen oder in Clubs die teuren Drinks nicht bezahlen müssen. «Sie trinken sich vorher schon einen Pegel an», sagt Salzmann. Dies weiss er aus Gesprächen mit den Jugendlichen, die er regelmässig aufsucht. Im Mangenpärkli, am Bahnhof oder in der Stadtlounge. «Wir möchten das Vertrauen der Jugendlichen gewinnen, um mit ihnen über die Gründe für ihr Trinken reden zu können», sagt Salzmann. Manchmal erreiche er, dass sie innehalten und überlegen, was sie tun.

Gemeinsam stärkere Präsenz

Neuerdings führt das Jugendsekretariat auch gemeinsam mit der Stiftung Suchthilfe und der Stadtpolizei präventive Aktionen durch. «Mit dem gemeinsamen Auftritt bei der Aktion <Hinschauen> sind wir stärker präsent», sagt Jürg Niggli. Das Pilotprojekt zur Präventionsarbeit wird in diesem Jahr dreimal durchgeführt und soll im nächsten Jahr intensiviert werden. Es sei nicht das Ziel, die Jugendlichen nur zu beobachten. «Wir werden auch intervenieren, sie zur Verhaltensänderung auffordern. » Dabei sei man sich der Grenzen des Möglichen natürlich bewusst, sagt Niggli. Trotzdem versuche man, die Jugendlichen davon abzuhalten, so viel zu trinken, dass sie im Spital landen.





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