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Tagblatt Online
30. Januar 2016, 09:16 Uhr

Traumata ernst nehmen

40 bis 50 Prozent aller Asylsuchenden sind laut Studien traumatisiert. Darauf will die Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht mit Fallbeispielen aufmerksam machen. Einer der Betroffenen erzählt seine Geschichte.

MIRJAM BÄCHTOLD

F – nur ein Buchstabe, aber er hat Amirs Leben verändert. F, vorläufig aufgenommen, bedeutete für den heute 20jährigen Afghanen, dass er endlich in Sicherheit war. Als er noch klein war, starb sein Vater und seine Mutter heiratete erneut. «Ich zog dann zu meinem Onkel und seiner Frau», sagt Amir, der in Wirklichkeit anders heisst.

Es fällt ihm schwer, von dieser Zeit zu erzählen. Der Geschäftsführer von Gravita, dem Zentrum für Psychotraumatologie des Roten Kreuzes, soll erzählen, was passiert ist. Amir will nicht mehr darüber sprechen. Er will vergessen, dass er sexuell missbraucht wurde. Als er zehn Jahre alt war, schickte ihn der Onkel mit einer fremden Familie in den Iran, weil die Lebensumstände in Afghanistan für Amir nicht mehr tragbar waren.

Ein Jahr lang auf der Flucht

Als Elfjähriger schlug sich Amir allein bis in Irans Hauptstadt durch, wo er sich mit Schuheputzen über Wasser hielt. Da er illegal im Iran lebte, sparte er Geld für die Flucht nach Europa. Als er aufbrach, war er 16 Jahre alt. Ein Jahr lang war er unterwegs, via Türkei kam er im Schlauchboot nach Griechenland, von dort weiter bis nach Serbien. Manchmal war er stundenlang zu Fuss unterwegs, manchmal wurde er im Lastwagen versteckt mitgenommen. In Serbien wurde er von der Polizei erwischt, kam in ein Lager und lebte dann mehrere Monate im Wald. Er versuchte weiterzufliehen, wurde aber mehrmals wieder zurückgeschickt nach Serbien. Als er einmal vor Erschöpfung einschlief, liessen die anderen Flüchtlinge Amir allein zurück. Er orientierte sich an der Sonne und stieg in einem Dorf in einen Bus, der ihn schliesslich nach Italien brachte, wo er einen Zug in die Schweiz nahm.

«Auf der Flucht habe ich gesehen, wie andere Flüchtlinge umgebracht wurden», erzählt Amir. Seine vorläufige Aufenthaltsbewilligung hat er nach zweieinhalb Jahren in der Schweiz erhalten, weil er in Afghanistan von seiner Familie umgebracht würde, wenn er wieder zurückkehren würde.

Katri Hoch Leiterin der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht Zoom
Katri Hoch Leiterin der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht

Erinnerung mit Lücken

Viele Asylsuchende haben ähnlich Traumatisierendes erlebt. Laut Schätzungen sind 40 bis 50 Prozent der Flüchtlinge traumatisiert durch Ereignisse wie Folter, Krieg und sexuelle Gewalt. Katri Hoch, Leiterin der Beobachtungsstelle für Asyl- und Ausländerrecht, hat verschiedene Fälle dokumentiert und schreibt nun gemeinsam mit Nicole Wagner an einem Bericht, der auf die Problematik traumatisierter Asylsuchender aufmerksam machen soll. «Viele verdrängen das Erlebte und erinnern sich oft nur lückenhaft an die schrecklichen Ereignisse», sagt Katri Hoch. Das führe in vielen Fällen dazu, dass die Betroffenen nur bedingt über ihre Vergangenheit Auskunft geben können. «Deshalb werden ihre Aussagen bei den Befragungen oft als widersprüchlich wahrgenommen.» Aufgrund dieser Aussagen würden dann Entscheide gefällt, ohne das Trauma zu berücksichtigen, unter dem die Betroffenen leiden. «Bis eine entsprechende Diagnose erstellt ist und die traumatisierte Person Hilfe in Form einer Therapie erhält, dauert es oft sehr lange», sagt die Juristin.

Das Asylverfahren bringe noch zusätzliche Stressfaktoren mit sich. Die Asylbewerber leben oft lange in der Ungewissheit, ob sie bleiben dürfen oder nicht. «Auch die Befragungen durch Personal, das nicht speziell auf Traumen geschult ist, kann wieder eine Traumatisierung zur Folge haben, bei welcher der Betroffene die schlimmen Geschehnisse erneut durchlebt.»

SVP ergreift Referendum

Eine Erleichterung gerade für traumatisierte Flüchtlinge hätte Katri Hoch im revidierten Asylgesetz gesehen, das in einem Pilotprojekt in Zürich bereits getestet wurde. «Die unentgeltliche Rechtsberatung vor den Befragungen hätte bei traumatisierten Asylbewerbern positive Auswirkungen gehabt.» Doch nun hat die SVP das Referendum eingereicht, die Reform des Asylgesetzes kommt also vors Volk.

Katri Hoch und Nicole Wagner hoffen nun, dass ihr Bericht grosse Beachtung findet. Sobald er abgeschlossen und gedruckt ist, möchten sie ihn einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.



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