Tagblatt Online, 25. Januar 2010 01:02:31
Sprung in die Vergangenheit
Vor 48 Jahren wurde die Riethüsli-Schanze stillgelegt. Doch die Erinnerung daran ist lebendiger denn je, vor allem auch an die drei unerschrockenen Riethüsli-Springer, die Cecchinato-Brüder. Am Samstag gab's ein Schanzentreffen.
josef osterwalder
«Der Vater war Schanzenchef im Riethüsli. Uns Buben aber hat er streng verboten, über die Schanze zu fahren. Gemacht habe ich es trotzdem», erzählt Mario Cecchinato; «und irgendwie hat es der Vater dann doch erfahren. Als wir das nächste Springen vorbereiteten, sagte er: <So jetzt zeig mir, wie Du springen kannst.> »
Mario konnte es, genau so wie sein Bruder Marco, der als Erstklässer abends um halb sechs zur Schanze schlich, um im Schutz der Abenddämmerung bei seinem ersten Sprung nicht gesehen zu werden. Da zog natürlich auch der dritte der Brüder, Toni, mit.
Die Cecchinato-Saga
Die Schanze war der Mutsprung ins Leben. Mario, Marco und Toni gehörten bald zu den begabtesten Springern das Landes. Auf ihrer Hausschanze waren sie fast unschlagbar. Rangliste des letzten Nachtspringens: «1. Cecchinato Toni, Riethüsli, 2. Kaare Lien, Canada…» Die kanadische Nationalmannschaft war damals gerade auf dem Weg zur Weltmeisterschaft in Zakopane und benutzte das Springen auf dem Riethüsli-Backen, um sich in Form zu bringen.
All diese Erinnerungen tauchten am Samstagnachmittag auf, als die «Quartier-Zitig» zum Schanzentreffen einlud, zur Begegnung mit den drei Cecchinato-Brüdern, zur Suche nach der verschwundenen Skisprunganlage und zum Austausch von Erinnerungen.
Moderiert wurde der Anlass von Erich Gmünder, Journalist und Redaktor des Quartierblattes, vorbereitet durch Noldi und Madeleine Duttweiler.
Tollkühne Männer
Die Initialzündung aber ging von einem Artikel aus, den Ernst Ziegler im November 2008 in der «Quartier-Zitig» veröffentlicht hatte: «Tollkühne Männer auf fliegenden Ski». Dieser weckte eine Vielzahl von Erinnerungen. Erich Gmünder wurden Geschichten erzählt, Bilder gebracht, Plakate und Zeitungsausschnitte tauchten auf. Schliesslich erwachte auch die Idee, dies alles bei einem winterlichen Schanzentreffen zusammenzutragen.
Eine erste Reihe von Bildern zeigten das Riethüsli der 1920er- Jahre. Damals wirklich ein «Nest», ein Strassendorf mit den zwei Wirtschaften «kleines Riethüsli» und «grosses Riethüsli», letztere mit angebautem Badhaus. Diese Wirtschaft befand sich am Platz der heutigen Shell-Tankstelle.
Dort lag dann auch der Auslauf der Sprunganlage, die der Skiclub Riethüsli 1929 errichtet hatte. «Mitten in der Zeit der wirtschaftlichen Depression und Arbeitslosigkeit», wie Noldi Duttweiler sagte. Skifahrer waren damals noch nicht mit Lifts, teuren Skis und Brettern verwöhnt.
Die Cecchinatos sprangen in normalen Skischuhen, in deren Sohlen sie Kerben ritzten, um sie etwas elastischer zu machen. Das erste Springen, 1929, war bereits ein Publikumsmagnet. 1100 Zuschauerinnen und Zuschauer fanden sich ein, um angesichts der Tollkühnheit auf fliegenden Brettern wahlweise das Staunen oder Gruseln zu lernen.
In den 1930er-Jahren entwickelte sich ein regelmässiger Sportbetrieb auf der Schanze, doch während dem Zweiten Weltkrieg lag er darnieder, genauso wie der Anlaufturm, der unter der Schneelast zusammenbrach.
Eine zweite Chance erhielt die Schanze ab 1949, als sie mit Scheinwerfern ausgerüstet und Nachtspringen durchgeführt wurden, die ersten in der Schweiz. Bis dann 1962 «die Sprunganlage der Bauwut zum Opfer fiel», wie Ernst Ziegler in seinem Artikel schrieb.
Spurensuche
Der Weg zu den letzten Spuren der Schanze bildete den zweiten Teil des Treffens. Heute ist der ganze Auslauf überwachsen. Lediglich das Geländeprofil lässt erahnen, dass hier einmal der Auslauf einer Sprunganlage stand. Auch der Schanzentisch ist längst verschwunden. Er befand sich dort, wo der heutige Guggerweg die erste leichte Rechtskurve macht.
Hier tauchten denn auch all die Geschichten auf, die das Schanzentreffen zum Begegnungsnachmittag machten. Ältere Riethüsler erzählen, wie sehr die Schanze damals als Mutübung diente. Bereits die Fahrt über den steilen Auslauf galt als kleine Heldentat und erst recht der Sprung über die Schanze selbst. Mehr als ein Bub kam dann mit gebrochenen Brettern nach Hause, weil sie die harte Landung nicht ausgehalten hatten.
Unterhosen für den Sieger
Und je mehr erzählt wurde, desto deutlicher entstand das Bild einer Zeit, in der Sport ohne Sponsoring, Leistungsklassen, Konditions- und Mentaltrainer auskam. Die Cecchinatos bekamen, wenn's gut ging, das Bahnbillett vergütet und als Siegespreis entweder eine Wurst oder ein paar lange Unterhosen.
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