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Tagblatt Online
30. Januar 2016, 18:03 Uhr

Samentausch mit Jerusalem

Der Botanische Garten tauscht weltweit Pflanzensamen mit anderen anerkannten Gärten aus. Im vergangenen Jahr erhielt er 215 Samenproben und versandte fast 3000. Einige Samen von hier sind weltweit begehrt.

IVES BRUGGMANN

Winterzeit ist im Botanischen Garten Samentauschzeit. Wenn die Pflanzen nicht so viel Arbeit geben wie im Frühling, dann werden Samen bestellt und verschickt. Der Botanische Garten versendet seinen Prospekt mit den tauschbaren Samen jährlich per Mail an rund 350 Adressaten. Fast ausschliesslich handelt es sich um Botanische Gärten. Geld fliesst für den Tausch keines.

8687 Samenproben versandt

Die Zahlen verraten, wie viel Arbeit dahintersteckt: In den vergangenen drei Jahren hat der Botanische Garten insgesamt 8687 Samenproben versandt. Eine Samenprobe entspricht einem Säckchen mit durchschnittlich 20 bis 30 Samen. Hanspeter Schumacher ist der Leiter des Botanischen Gartens. Er weiss, welche Samen bei den anderen Gärten gut ankommen. «Einer unserer Renner sind die Samen der Viktoria Seerose. Ihre Samen sind selten», sagt Schumacher. Die Seerosen, die im Sommer jeweils bis zu 1,8 Meter Durchmesser erreichen, produzieren jährlich rund 500 Samen. Von diesen Samen wird zuerst der Eigenbedarf gedeckt. «Den Rest verschicken wir, wenn dies gewünscht wird.» In diesem Jahr seien wiederum rund 50 Bestellungen für die Viktoria Seerose eingegangen. Deren Samen sind ungefähr so gross wie Erbsen. Pro Bestellung werden sechs oder sieben dieser Samen versandt.

Bis nach Brasilien

Schumacher zeigt eine Übersicht der diesjährigen Bestellungen. Die St. Galler Samen sind weltweit begehrt. Egal, ob in Jerusalem, Berlin, München, Marseille, im russischen Ivanovo oder im brasilianischen Niteroi, um nur einige Beispiele zu nennen. Umgekehrt hat auch St. Gallen eine Checkliste mit Pflanzen, die es gerne ansäen würde. «Zwischen 500 und 600 Pflanzen stehe auf der Liste.» Diese werde dann mit den Bestellkatalogen der anderen Gärten abgeglichen. Im vergangenen Jahr hat der Botanische Garten 215 Samenproben von 49 Botanischen Gärten bestellt. Aktuelle Ausstellungen oder Sammlungen wirken sich immer auf die Bestellungen aus. «Derzeit haben wir ein Südafrika-Beet. Dafür suchen wir winterharte, ausdauernde Kräuter von dort», sagt Schumacher.

Besonders angetan haben es ihm und den anderen Gärtnern auch die rund 60 Wildarten der Narzissen. «Wir sammeln sie und haben das Ziel, diese Sammlung eines Tages zu komplettieren», sagt Schumacher. 40 Prozent besitzen sie bereits. Doch das Sammeln und Züchten von Pflanzen sei nicht einfach, wie er erklärt. «Die Fehlerquote bei den bestellten Samen ist sehr hoch. Sie liegt bei etwa einem Drittel.» Das liege vor allem an Vertauschungen oder falsch bestimmten Pflanzen. Erst, wenn die Pflanzen spriessen, erkennen die Gärtner, ob es sich um die richtigen Samen handelte.

Seltenen Baum gerettet

Dass der Botanische Garten in St. Gallen einen guten Ruf geniesst, zeigt das Beispiel eines Baumes auf den Seychellen. Mitarbeiter eines Forschungsprojektes der ETH Zürich vertrauten Schumacher und seinen Mitarbeitern Samen des fast ausgestorbenen Baumes namens Rothmannia annae an. «Ich bin stolz, dass wir es geschafft haben, den Baum zu züchten und die Samen zu vermehren», sagt er. Diese Samen gehören nun auch zu den begehrteren des St. Galler Gartens. Je mehr Samen man versende, desto besser. «Denn so kann man das Überleben einer Pflanze sichern. Um das geht es ja in erster Linie.»



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