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Tagblatt Online, 14. April 2009 01:03:12

Retterin des Nestweiers

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Erika Mangold, 26. Februar 1927 – 14. März 2009. (Bild: Bild: pd)

Sie hat sich für das Quartier eingesetzt, für die Heilig-Geist-Pfarrei, für die Solidarität mit der Dritten Welt – mit Erika Mangold hat das Riethüsli eine engagierte Bewohnerin verloren.

Sie war ein Leben lang eine Pfadfinderin, eine Frau, die ihren eigenen Weg ging. So haben Familie, Freunde und Quartierbewohner Erika Mangold kennengelernt. Manchen galt sie als Vorbild der Emanzipation; sie selber sprach lieber von Engagement. Leben bedeutete für sie dienen. Allerdings nicht in einem unterwürfigen Sinn. Als der Stadtrat erwog, den Nestweier «billig» zu sanieren, das heisst trockenzulegen, da lernte er Erika Mangold als kampfbereite Riethüslerin kennen. Und genauso setzte sie sich ein, wenn im Quartier Überbauungspläne auftauchten, die sie überrissen fand. Damit machte sie sich nicht überall beliebt; umso mehr aber wurde sie geachtet. Dabei war sie nicht einfach eine Aktivistin. Mit dem gleichen Eifer war sie dabei, wenn die Frauengruppe einen meditativen Gottesdienst vorbereitete. Aktion und Meditation gehörten bei ihr zusammen, aus beidem schöpfte sie Kraft.

Weisse weise Robbe

Erika Mangold kam am 26. Februar 1927 zur Welt, wuchs im Riethüsli auf, im Quartier, das für sie ein Leben lang zur Heimat wurde. Beruflich versah sie eine verantwortungsvolle Stelle in der St. Galler Konservenfabrik in Winkeln, ihre Freizeit gehörte der Pfadfinderbewegung, zuerst den Wölfen, später arbeitet sie mit im Vorstand des Katholischen Pfadfinderverbandes der Schweiz.

Pfadfindertum war für sie weit mehr als Freizeitvergnügen; es bedeute Formung fürs Leben. Erlebnisse mit der Natur und religiöse Vertiefung gingen Hand in Hand. Als junge Wolfsführerin erhielt sie den Namen «Kotik», als ob man ihr Führungstalent vorausgeahnt hätte. Kotik heisst in Rudyard Kiplings Dschungelbuch die weisse Robbe, die als erste die Gefahr erkennt, die von den Robbenschlächtern ausgeht, und die ihr Volk zu einer fernen, sicheren Insel führt.

Zwischen Welt und «Nest»

Beim Abschiedsgottesdienst war die Kirche Riethüsli bis zum letzten Platz gefüllt. Diakon Stefan Staub nannte ihn denn auch nicht Abschieds-, sondern Auferstehungsgottesdienst. Eine Feier, bei der er der Verstorbenen den «Segen für die Reise in die Ewigkeit» mitgab; dem Ziel der vielen Reisen, die Erika Mangold unternommen hatte. Mit ihrer Offenheit liebte sie die weite Welt, doch genauso gerne kam sie wieder zurück, ins Quartier, das nicht von ungefähr «Nest» heisst.

Das letzte Jahr ihres Lebens konnte sie allerdings nicht mehr am Strand des Nestweiers verbringen. Gesundheitliche Gründe bewogen sie, nach St. Georgen, ins Wohnheim Raphael, zu ziehen. St. Georgen war schliesslich auch Teil ihrer Heimat; hier hatte sie als junge Riethüslerin die Schule und die Kirche besucht.

Dennoch fiel ihr der Abschied vom «Nest» schwer. Umso bedeutsamer, dass sie sich nun an ihre Jugendzeit zurückerinnerte. Sie begann ihre Erinnerungen aufzuschreiben, berichtete in kleinen Geschichten von ihrer Kindheit im Riethüsli, dem Hebelschulhaus in St. Georgen und von den ungezählten Schulwegen durch das Demuttal, samt allen Streichen, die den Buben und Mädchen einfielen.

Diese Texte formte sie zu kleinen Miniaturen. Ein erster Teil davon wird in der nächsten Ausgabe des Quartierblatts Riethüsli erscheinen. Die Geschichten werden die Erinnerung an die Verstorbene genauso wachhalten wie die Ente «Erika» im sanierten Weiherareal. (J.O.)





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