Tagblatt Online, 18. Januar 2012 11:03:00
Neue Chefin im Klassenzimmer
Franziska Wenk (Grüne) übernimmt das Amt der höchsten Stadtsanktgallerin. Vizepräsident des Stadtparlaments ist Marcel Rotach (FDP) neben ihr. (Bild: Benjamin Manser)
ST.GALLEN. «Der Koch hat ausgekocht.» Mit diesen Worten übergab der bisherige Parlamentspräsident Fabian Koch (CVP) sein Amt gestern abend an Franziska Wenk. Die grüne Politikerin hielt eine flammende Antrittsrede auf Politik, die glücklich macht.
RALF STREULE
Es gab schon Parlamentspräsidenten, die haben sich mit weit mehr Pathos von ihrem Amt verabschiedet. Fabian Koch (CVP) hielt sich gestern abend bei der Amtsübergabe an Franziska Wenk (Grüne) gewohnt kurz, verzichtete auf humoristische Abrechnungen mit Parlamentskolleginnen und -kollegen. Sein Jahr als höchster St. Galler sei schnell vorbeigegangen, sagte er. So rassig ging auch seine Abschiedsrede zu Ende: 114 Geschäfte habe er begleitet, Emotionen und Engagement erlebt, vor allem aber «viele positive Begegnungen an 70 privaten Veranstaltungen» gemacht. Mit einem Augenzwinkern schloss er: «Der Koch hat ausgekocht, jetzt kann die Wenk schauen, dass nichts anbrennt.»
Chefin mit Geduld und Distanz
So übernahm «die Wenk» das Zepter: Franziska Wenk, Grüne, mit Jahrgang 1981, St. Gallens jüngste Stadtparlamentspräsidentin aller Zeiten. Sie werde dem Amt als höchste Stadtsanktgallerin alle Ehre machen, hatte Thomas Schwager, Fraktionspräsident der Grünen, Grünliberalen und Jungen Grünen, vor der Wahl erklärt. Als ausgebildete Primarlehrerin bringe sie die Geduld und Gelassenheit mit, um «auch in diesem Klassenzimmer» locker zu bestehen. Und als Juristin habe sie auch die nötige Distanz, die es für diese Aufgabe brauche.
«Politik macht glücklich.» Mit diesen drei Worten begann Franziska Wenk, auf dem Stuhl der Präsidentin Platz genommen, ihre Antrittsrede. Und brachte leises Lachen in die Reihen des Parlaments und auf die gutbesetzte Tribüne. Das Politiker-Glück habe aber nichts mit Ämtern und Sitzen zu tun. Es sei statistisch belegt: «Je eher Menschen das Gefühl haben, mitbestimmen zu können, desto glücklicher sind sie.» Die politischen Rechte, welche Schweizerinnen und Schweizer hätten, dürften nie als selbstverständlich angesehen werden. Wie auch das, was in den letzten Jahrzehnten in Sachen Mitbestimmung der Frau erreicht worden sei: «Noch vor einigen Jahren hätte ich Franz heissen müssen, um hier Platz nehmen zu dürfen.» Sie schätze es, dass hierzulande politische Gegner nach engagierten Diskussionen «zusammen eins trinken» gehen könnten und nicht ihr Leben riskieren müssten, um ihre Meinung kundtun zu dürfen.
«Menschen, nicht Plätze»
Wunschlos glücklich aber sei sie nicht, fuhr Wenk fort. Sie hoffe in ihrem Jahr als Parlamentspräsidentin auf engagierte Diskussionen und Auseinandersetzungen. Sie wünsche sich, dass «weniger über Plätze gesprochen wird, dafür mehr über die Menschen, welche die Plätze benützen». Zum Schluss forderte sie ihre Kolleginnen und Kollegen auf, über den Tellerrand hinauszuschauen. «Unsere politischen Kompetenzen hören zwar an den Stadtgrenzen auf, unser Denken sollte aber darüber hinausgehen.»
Nach Wenks Rede wurde auch der Vizepräsident einstimmig gewählt. Marcel Rotach (FDP) übernimmt dieses Amt – und wird damit wohl 2013 zum höchsten Stadtsanktgaller gewählt.
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