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Tagblatt Online
29. Januar 2016, 07:06 Uhr

Mütter, die Müttern helfen

ST.GALLEN. Weil die Bilder von Familien mit Kindern auf der Flucht sie nicht losliessen, haben drei Frauen einen Verein gegründet, der vorwiegend Babytragen sammelt. Morgen veranstalten sie eine Sammelaktion für weitere Güter in der Grabenhalle.

KATHRIN REIMANN

Mitten in der Nacht wachte Jenny Heeb auf und wusste: Jetzt muss ich etwas unternehmen. Die Bilder von Flüchtlingen auf der Balkanroute hatten sie bis in ihre Träume verfolgt. Insbesondere diejenigen, die Mütter und Väter auf der Flucht mit ihren Kindern zeigen. «Ich habe mir überlegt, wie das wäre, wenn ich mit meinem Kind auf der Flucht wäre», sagt Heeb. Wie es sich anfühlen würde, wenn ihr Kind vor Kälte weinen würde, sie ihm aber keine Jacke anziehen könnte.

Keine Reise nach Lesbos

Die junge Frau ist selber Mutter, genauso wie ihre Kolleginnen Denise Bachofen und Rebecca Reitz. Allen dreien geht es gleich. Sie fühlen sich hilflos, ohnmächtig, wollen helfen, doch eine Anlaufstelle fehlt den St. Gallerinnen. «Zuerst wollten wir nach Lesbos reisen und vor Ort helfen», sagt Heeb. Doch ihnen wird schnell klar, dass dies eine zu komplizierte Angelegenheit ist. «Wir haben uns informiert, welche Hilfsprojekte es bereits gibt», sagt Heeb. Dann seien sie darauf gekommen, dass noch niemand Babytragen gesammelt habe. Ihre Mission ist gefunden. «Babytragen sind praktisch und sicher, das Baby ist geschützt, geborgen und an der Wärme bei der Mutter.» Ausserdem könnten die Tragen schnell verteilt und angezogen werden, was für Menschen auf der Flucht essenziell sei.

Bitterkalte Balkanroute

Nach den schlaflosen Nächten und einem Brainstorming im Dezember gründeten die drei Freundinnen Anfang Januar den Verein für aktive Humanität, der sich das humanitäre und soziale Engagement für Menschen in Notlagen zur Aufgabe gemacht hat. «Dafür sammeln wir materielle und finanzielle Spenden», sagt Bachofen. 30 Babytragen wurden seither dank ihnen in Griechenland an Flüchtlinge verteilt. In neun Städten in der Schweiz, darunter Zürich, Winterthur, Bern und Biel, haben die drei Frauen Abgabestellen für Babytragen organisiert. Und weil sie merkten, dass viele Leute Spenden auf der Seite haben und nicht wissen, wohin damit, veranstalten sie morgen eine Sammelaktion in der Grabenhalle. Dabei suchen sie nebst Babytragen vor allem warme Kleidung, Decken, Schlafsäcke und vieles mehr. «Denn auf der Balkanroute ist es mittlerweile bitterkalt.»

Organisationen und Private

Auch die Flüchtlingsunterkünfte in der Stadt und der Region werden bei der Sammelaktion berücksichtigt. «Wir haben mit ihnen telefoniert und werden diejenigen Dinge, die sie brauchen können, herauspicken und vorbeibringen.» Die restlichen Güter werden nach Biel gebracht, wo sie von der Organisation «Stand up for Refugees» sortiert und dann auf die Balkanroute gebracht werden. «Ausserdem haben wir einen privaten Geschäftsmann, der alle zwei Wochen zwei Koffer mit Hilfsgütern nach Griechenland mitnimmt», sagt Bachofen. Dort würden sie dann im Piräus-Hafen in Athen an die ankommenden Flüchtlinge verteilt.

Von der grossen Hilfsbereitschaft und der guten Zusammenarbeit mit anderen Menschen und Organisationen sind die drei Frauen besonders beeindruckt. «Wir begegnen grosser Hilfsbereitschaft und Offenheit gegenüber unserem Projekt», sagt Reitz. Und auch ihr Verein für aktive Humanität hat bereits die ersten Mitglieder dazugewonnen. «Es ist schön zu sehen, wie man aus dem eigenen Umfeld tatkräftig unterstützt wird und alle hinter einem stehen», sind sich die drei einig. «Wir staunen immer noch, wie viel Positives sich aus unserer Idee entwickelt hat», sagt Bachofen. Auch von dieser emotionalen Wärme wollen die drei Mütter den Menschen auf der Flucht etwas weitergeben.

Ein Verein auf eigener Reise

Mit ihrem Verein wollen sie so lange Spenden sammeln, wie es nötig ist. «Leider kommen immer noch Tausende Flüchtlinge täglich in Griechenland an.» Die Frauen können sich auch vorstellen, ihr Tätigkeitsfeld auszubauen. «Unser Verein ist noch sehr jung, auch wir befinden uns auf einer Reise», sagt Bachofen.

Sammelaktion: morgen Samstag, 12 bis 15 Uhr, Grabenhalle www.babytragen-spenden.ch


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