Tagblatt Online, 19. Januar 2012 01:03:53
Mit der «alten Häsin» im Ausgang
Die ersten Gäste im Foyer des Bundesverwaltungsgerichts: Präsidentin Franziska Wenk (zweite von rechts, lächelnd) mit Stadtparlamentariern und Weggefährten. (Bild: Benjamin Manser)
Eine singende FDP, ein tanzender Stadtrat, einsichtige Grüne und eine glückliche Präsidentin: Die Feier zu Ehren der neuen Parlamentsvorsitzenden war beschwingt, der Weltuntergang weit weg, das Matriarchat dafür ganz nah.
Auf dem Chrüzacker ist endlich Leben eingekehrt. Vergangene Woche hat Bern die Schlüssel erhalten, und bereits werden erste Besuchergruppen durch das pompöse Gerichtsgebäude geschleust. Am Dienstag gebührte die Ehre den Mitgliedern des Stadtparlaments, die das Foyer für den Apéro zu Ehren der neuen Parlamentspräsidentin Franziska Wenk (Grüne) in Beschlag nahmen. Für Hausherr Michael Beusch, Vizepräsident des Gerichts, sehr willkommene Gäste: «Wir freuen uns auf gute Kontakte mit der Stadtsanktgaller Legislative.» Es muss ja nicht gleich in beruflichen Angelegenheiten sein.
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Stadtpräsident Thomas Scheitlin seinerseits schätzte sich glücklich, nach dem letztjährigen Abstecher in Mörschwil – Wenks Vorgänger Fabian Koch beliebte vor den Stadttoren zu feiern – nun wieder vertrauten Boden unter den Füssen zu haben. «Ich habe nichts gegen Mörschwil», sagte Scheitlin, um gleich klarzustellen: «Als Stadtteil von St. Gallen.»
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Politik mache glücklich, hatte die neue Präsidentin zuvor im Parlament verlauten lassen. «Und hübsch», wie Scheitlin Franziska Wenk ebenfalls attestierte. Er freue sich auf den «gemeinsamen Ausgang» in ihrem Präsidialjahr. Respekt flösse ihm hingegen ihr Ruf als «regelrechte Festnudel» ein. Mit Vize Marcel Rotach hätten sich da aber zwei gefunden, befand der Stadtpräsident und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, der Letzte möge doch jeweilen bitte das Licht löschen.
Politisch bezeichnete er die 30-Jährige nach bald zwei Amtsdauern als «alten Hasen». Nahm dies auf Intervention von Sylvia Huber von der Politischen Frauengruppe (PFG) aber postwendend zurück und korrigierte brav: «Alte Häsin».
Weiter ging's dann zum Znacht ins «Lagerhaus», wo die Gesellschaft auch zur Überraschung der gebürtigen Kolumbianerin und Tochter des Halden-Pfarrers mit südamerikanischen Rhythmen begrüsst wurde. Die gingen manchem auf direktem Weg ins Blut. Etwa Stadtrat Fredy Brunner, der schon bald eine derart kesse Sohle aufs Parkett legte, als ob er grad einen Bohrauftrag vergeben hätte.
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An Franziskas Bruder Christian Wenk lag es, die Gemüter wieder etwas zu beruhigen. Er tat's singenderweise und unverkennbar Jack Stoiker im Gehör mit einem Chanson an seine Heimatstadt: «Sangallä, worom machsch Du's mer so schwär». Ihm, Christian Wenk, der vor acht Jahren ebenfalls fürs Stadtparlament kandidiert hatte, aber kläglich gescheitert war. Der Schock sass so tief, dass er seither in Luzern wohnt.
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Vergangenheitsbewältigung betrieb auch die FDP-Fraktion unter Leitung von Roger Dornier. Dargeboten wurde eine arg traurige Weise zum Marktplatz. Und so tönte sie dann auch.
Der Bastelaufwand, der für die Kopfbedeckungen betrieben wurde – alles Sujets aus der gescheiterten Vorlage, wahlweise Calatravas, Parkgaragen oder Markthallen –, verdient aber höchste Anerkennung. Der Liedtext wurde wohlweislich im voraus verteilt, damit die Botschaft auch ja ankommt. Zum Beispiel diese: «Mer truured um de Konsens/dä isch leider Nonsens/mer truured um de Konsens/de Schadä isch immens.» Oder die, übrigens ganz leise, um nicht zu sagen kleinlaut vorgetragen: «S'Parkhuus mues baut werde/mached kei Beschwerde/s'Parkhuus mues baut werde/tüüf under d'Erde.»
An der Fraktion der Grünen, Grünliberalen und Jungen Grünen lag es, das noch zu toppen. Thomas Brunner und Cécile Federer gaben sich alle erdenkliche Mühe und blieben wohltuend bündig: Mit einem Neun-Punkte-Programm kündigten sie zum Schrecken vieler eine abendfüllende Monsterproduktion an. Sie dauerte dann nur zwei Minuten.
Humor muss einem gegeben sein, die fragliche Fraktion verfügt entsprechend über eine tadellose Selbsteinschätzung. Obwohl: Punkt 8 «Dazugelernt» versprach doch einiges. Die Ausführungen unter dem Titel «Wie Heini Seger und Daniel Rietmann herausgefunden haben, dass die Südspange kein Schmuckstück für die Haarpracht der Parlamentspräsidentin ist», hätten schon noch interessiert. Andreas Nagel
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