Tagblatt Online, 19. Januar 2010 01:02:37
Meine Kirche, deine Kirche
Zwei Kirchen unter einem Dach? Katholiken und Reformierte im Riethüsli rücken zusammen. (Bild: Bild: Reto Martin)
Im Riethüsli könnten sich Katholiken und Reformierte künftig eine Kirche teilen. Aus finanzieller Sicht spricht alles für diese Annäherung. Mögliche Probleme liegen im theologischen Bereich.
Markus Symank
Näher sind sich Reformierte und Katholiken nirgends: Wenige Meter nur trennen im Riethüsli die Kirchengebäude der beiden Konfessionen, Seite an Seite ragen Kreuz und Hahn gen Himmel. Nun könnten die Pfarreien noch enger zusammenrücken. Die beiden Kirchgemeinden diskutieren derzeit, sich künftig ein Gebäude zu teilen. Karl Gabler, Präsident der Kirchenvorsteherschaft der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde St. Gallen C, betont zwar, dass die Gespräche noch ganz am Anfang stünden. «Es gibt aber keinen Zweifel daran, dass wir gemeinsam stärker wären und Kosten sparen könnten.»
Diskussion mit der Basis
Die Vision von zwei Pfarreien unter einem Dach geistert schon seit Jahren durch die Kirchenbankreihen im Riethüsli. An einer Klausur im vergangenen Herbst beschlossen die Reformierten erstmals, konkrete Schritte zu ergreifen. Gabler hat den Vorschlag inzwischen seinem Amtskollegen Guido Corazza, Präsident des Kirchenverwaltungsrats der Katholischen Kirchgemeinde St. Gallen, unterbreitet.
Beide Seiten wollen das Thema nun in einem nächsten Schritt mit den jeweiligen Entscheidungsgremien und der Basis ausführlich diskutieren. Gabler hofft zudem, dass sich noch dieses Jahr eine Kommission mit Vertretern beider Pfarreien formt, die sich der Sache annimmt.
Katholiken ohne Pfarreileiter
Der Vorschlag kommt zu einem Zeitpunkt, da sich beide Pfarreien mit strukturellen Problemen konfrontiert sehen.
Die reformierte Kirche im Riethüsli kämpft seit Jahren gegen schwindende Mitgliederzahlen und sinkende Einnahmen an. In drei Jahren wird zudem Pfarrer Virginio Robino pensioniert. Die katholische Kirchgemeinde wiederum ist zwar mitgliederstark, steht allerdings seit der Versetzung des Diakons Stefan Staub im Sommer 2009 ohne Pfarreileiter da.
Dazu kommt, dass die 1987 errichtete Kirche, ein Holzbau, in spätestens zehn Jahren renoviert werden müsste. Das Gotteshaus der Reformierten hingegen befindet sich baulich in einwandfreiem Zustand. «Um es überspitzt zu formulieren: Die Katholiken haben die Leute, wir die Räumlichkeiten», sagt Gabler. Würden sich die Pfarreien das Gebäude der Reformierten teilen, könnten Unterhaltskosten gespart werden. Das katholische Kirchengebäude würde in diesem Fall abgerissen.
Keine Fusion geplant
Weiter wagt man auf beiden Seiten noch nicht zu denken. «Wie nah sich Katholiken und Reformierte in der Seelsorge kommen wollen, ist völlig offen», sagt Corazza. Selbst wenn man sich künftig ein Gebäude teilen sollte, würde das nicht automatisch eine Annäherung in anderen Bereichen mit sich bringen. Wahrscheinlicher ist – zumindest vorerst – ein paritätisches Modell (siehe Kasten). «Wir verfolgen nicht das Ziel, unsere Pfarrei aufzulösen», macht Corazza deutlich. Gabler formuliert es ähnlich: «Auch wenn die Katholiken unseren Saal nutzen, bleiben wir weiterhin eine eigene Kirche.»
Knackpunkt Theologie
Wie sich die Basis zu dem Vorhaben stellen wird, steht in den Sternen. Die finanziellen und verwalterischen Angelegenheiten sollten keine unüberwindbare Hürde darstellen, glaubt Corazza: «Wenn das Projekt scheitert, dann eher an theologischen Knackpunkten.» Beispielsweise an der Frage nach der Dekoration des Gottesdienstraums. «Eine politische Fusion ist schon eine schwierige Sache», sagt Corazza. «Auf kirchlicher Ebene ist alles noch viel komplexer.»
-
Weitere Artikel zu diesem Thema:
- Artikel empfehlen:










Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben