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Tagblatt Online, 31. Juli 2012, 10:38 Uhr

Malen im Stundentakt

Coralie Wenger Zoom

Unter dem Sonnenschirm und mit Kopfhörern malt Felix de la Concha derzeit rund um den Bahnhofplatz, wann immer es sonnig ist. (Bild: Coralie Wenger)

Seit gut drei Wochen malt der Künstler Felix de la Concha am St. Galler Bahnhofplatz die Postturmuhr – aber nicht nur ein- sondern gleich zwölfmal. Von jeder Stunde fertigt der Spanier ein Bild aus einer anderen Perspektive an.

NINA RUDNICKI

Wenn Felix de la Concha am Bahnhofplatz unter seinem blauen Sonnenschirm malt, dann drehen sich die Passanten nach ihm um. Einige werfen einen Blick auf seine Staffelei und dann auf die Turmuhr über dem Postgebäude. Denn diese malt der Spanier in Ölfarben und aus zwölf leicht versetzten Perspektiven. Mal näher, mal weiter entfernt, mal mit Bahnhofplatz im Vordergrund, mal mit der spiegelnden Fassade des Bahnhofgebäudes im Fokus. Jedes der zwölf Bilder entspricht einer Stunde auf dem Zifferblatt. Für de la Concha bedeutet das Zeitdruck und vor allem Konzentration. Am ersten Bild arbeitet er jeweils morgens von sieben bis acht Uhr. Ist die Stunde abgelaufen, packt er es weg und malt am Bild der nächsten Stunde weiter.

Im Wettlauf gegen die Zeit

De la Concha malt gegen die Zeit. Und er malt die Zeit. So hat er etwa in seiner Arbeit «One A Day: 365 Views of the Cathedral of Learning» während eines Jahres jeden Tag ein Bild der Kathedrale in Pittsburgh gemalt. «Die Zeit ist ein Element, mit dem wir uns zwangsläufig abgeben müssen», sagt er, während er in seinem Studio, das sich direkt unter der Postturmuhr befindet, seine Pinsel reinigt. Wie jeden Abend hat er hier seine zwölf Bilder auf dem Boden ausgelegt. Es gehe in seiner Arbeit darum, die Dinge so einzufangen, wie sie in einem Moment sind, und diese Realität dann auf die Bilder zu übertragen. Bis Ende August will de la Concha spätestens mit den Bildern fertig sein. Denn die Tage würden nun wieder kürzer und das Licht sich langsam verändern. Ausserdem feiere er bald seinen 50. Geburtstag. «Im übertragenen Sinn nehmen also ab jetzt nicht nur die Tageszeiten ab, sondern auch die Lebenstage», sagt er.

Im Land der Uhren

Wo sonst als in der Schweiz, dem Land der Uhren, könne man besser die Zeit malen?, fragt de la Concha. Daher habe er immer einmal für ein Projekt hierhin kommen wollen. In diesem Vorhaben bekräftigt haben ihn vor fünf Jahren auch einige Italiener, die de la Concha auf einer Reise durch Europa kennenlernte. Nirgendwo seien die Menschen und die Fahrpläne so pünktlich, hätten sie ihm erzählt. Und das könne er bestätigen. «Während ich hier am Bahnhof male, sehe ich praktisch nie jemanden auf einen Zug rennen», sagt er. Dass er nach St. Gallen gekommen sei, habe sich aber eher zufällig ergeben. Denn de la Concha war bereits vor einem Jahr einmal hier zu Besuch. Und da seine Frau, die spanische Schriftstellerin Ana Merino, zurzeit Gastprofessorin an der Universität St. Gallen sei und ihm die Stadt gefallen habe, habe er beschlossen, eben hier zu malen.

An keinen Ort gebunden

Noch bis Ende Jahr bleibt Felix de la Concha nun in St. Gallen. Während dieser Zeit wohnt er in Rotmonten. Seine Lebensmittelpunkte hat der 1962 in der spanischen Stadt León geborene Maler aber in Iowa City und Madrid, wo er auch an der Facultad de Bellas Artes studierte.

Als dann seine Frau einen Job an der Universität von Iowa angeboten bekommen habe, habe er nicht gezögert, mitzugehen. «Als Maler bin ich nicht an einen Ort gebunden», sagt er. «Ich kann malen, wo immer es mir gefällt.»

Was er mit den Bildern der St. Galler Postturmuhr machen wird, weiss de la Concha aber noch nicht. Genau so wenig, wie er die zwölf Bilder einmal nennen wird.

Malen mit einem Orchester

Bevor de la Concha in die USA zurückreist, wird er im November während des Familienkonzerts «Klangmärchenzauber» in der Tonhalle das Orchester malen – auch hier gegen die Zeit. Es ist ein Projekt wie jenes in Ohio, als er während eines Auftritts das Toledo Symphonie Orchester malte. «Der Zeitdruck ist sehr gross», sagt er. «Was viel Konzentration erfordert.» Am Bahnhof gibt es da eine einfache Lösung. Damit ihn die Passanten nicht ansprechen, trägt er Kopfhörer und hört sich Interviews bekannter Persönlichkeiten an. Ein Schutz übrigens auch vor den Taxifahrern, die sich regelmässig um de la Concha versammeln, um ihn zu überzeugen, auf seinen Bildern doch wenigstens einmal ihre Taxis zu malen.



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