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Tagblatt Online
13. Februar 2016, 10:00 Uhr

Mal zu früh, mal zu spät, mal gar nicht

Nicht immer brennt der Stadtfunken so loh wie im letzten Jahr. Zoom

Nicht immer brennt der Stadtfunken so loh wie im letzten Jahr. (Bild: Ralph Ribi)

Elisabeth Reisp

ST.GALLEN. Es heisst, der Stadtfunken sei älter als die Olma, die ihr Début 1943 hatte. Jahr für Jahr erfreut er die Städter, die gwundrig auf das Explodieren des Bööggs warten. Und zur Stärkung natürlich eine Bratwurst verputzen. Die heitere Stimmung kann aber schnell in Ratlosigkeit und Konsternation umschlagen. Wer vor zwei Jahren am Funkensonntag auf der Wiese bei der Tonhalle stand und wartete, bis der Funken doch endlich entflammen möge, weiss, wovon die Rede ist. Nicht einmal die Feuerwehr brachte den Funken zum Brennen. Und das ist längst nicht das einzige Skandälchen, das es rund um den Funken zu erzählen gibt. Die Geschichte des jährlich stattfindenden Funkensonntags verbirgt noch ganz andere herrlich-komische Possen. Andreas Bünzli und Hans Stehle erinnern sich.

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Hans Stehle ist im Nordostquartier aufgewachsen. Ihm gehörte die St. Jakobs-Apotheke, die bereits seinem Grossvater gehört hatte. Lange Jahre fungierte die Apotheke quasi als Funken-Hotline. Denn unter dem Denkmal «Quartierfest» wurde früher am Funkensonntag «Grosser Entsorgungstag» betrieben. Bewohner des Quartiers konnten sich beim Apotheker Stehle anmelden, wenn sie etwas zu entsorgen hatten. «Das Telefon lief in der Woche vor dem Funkensonntag jeweils heiss. Besonders am Samstag.» Denn dann riefen die Leute noch einmal an, um zu fragen, wann das Gerümpel endlich abgeholt werde – «nicht, dass es noch vergessen geht». Zweifelsohne wollten die Anwohner im Februar den grossen Kehraus machen. Stehle kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

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Den gesammelten überschüssigen oder abgenutzten Hausrat des Quartiers haben die Anwohner mit Wonne auf dem Spelteriniplatz verbrannt. «Da waren Stühle, Tische, aber auch Fernseher, Kühlschränke und Matratzen im Sammelgut.»

Ein Abfallreglement machte irgendwann mit der wilden Entsorgung Schluss. Es durften nur noch Paletten verbrannt werden. Der langjährige Funkenmeister Andres Bünzli erinnert sich, was die Paletten für prächtige Funken hergegeben hatten. «Einmal haben wir damit in einem besonders kalten Winter an zwei Häusern Fenster zum Bersten gebracht.»

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2001 wurde es den Stadtoberen zu bunt mit dem Funken und sie verbannten ihn kurzerhand vom Spelteriniplatz. Als Alternative bot die Stadt eine Wiese in Rotmonten an. Ausgerechnet. «Lieber den Funkensonntag ausfallen lassen, als den Rotmöntlern einen Funken hinzustellen», entschied Bünzli. Also wurde in jenem Jahr kein Funken angezündet.

Schliesslich fand man auf der Brühlwiese bei der Tonhalle einen adäquaten Ersatzplatz. Doch mittlerweile bürdete die Stadt den Funkenbauern immer mehr Auflagen auf. Eine lautete etwa, dass fortan Holz aus der Stadtsägerei verbrannt werden musste. Aber auch das führte schon zu einem Desaster: Vor zwei Jahren lieferte die Stadtsägerei gefrorenes Holz. Beim Aufbau des Funkens fiel das keinem der Helfer auf. Erst als der Funken entfacht werden sollte, dämmerte es den Anwesenden, dass das Holz wohl zu feucht war. Da half auch kein Brandbeschleuniger mehr.

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Anders im Jahr 1996. Da brannte der Funken lustig. Und zwar bereits am Samstagabend. Nachtbuben konnten der Versuchung nicht widerstehen und setzten den Funken kurzerhand in Brand. «Uh, das war ärgerlich», sagt Stehle. Man habe am Sonntag für einen notdürftigen Minifunken gesammelt, Brennholz, das die Quartierbewohner entbehren konnten. Aber es wurde nicht mehr als ein besseres Lagerfeuer daraus. Seither wird der Funken in der Nacht von Samstag auf den Funkensonntag von einem Sicherheitsmann überwacht.

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Für morgen Sonntag hoffen die Bewohner des Quartiers, dass der Funken lichterloh brennt. Traditionellerweise wird er punkt 19 Uhr angezündet. Dafür hatte Bünzli seinerzeit eigens eine Funkuhr angeschafft. Nur einmal wurde es etwas später: Der Funkenmeister hatte beim Griff in die Hosentasche wenige Sekunden vor 19 Uhr bemerkt, dass er sein Feuerzeug vergessen hatte.



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