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Tagblatt Online, 27. Juni 2011 12:30:27

Im Zweifelsfall in den Notfall

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Platznot in der Notaufnahme: Die Zahl der behandelten Patienten wächst kontinuierlich. (Bild: Urs Bucher)

Die Notfallaufnahme im Kantonsspital muss vergrössert werden. Die Zahl der Patienten wächst ständig. Gründe dafür gibt es viele: Zu wenig Hausärzte, die alternde Gesellschaft und ein verändertes Verständnis davon, was ein Notfall ist.

tobias hänni

Die Notfallstation im Kantonsspital platzt aus allen Nähten. Für die ständig wachsende Zahl an Notfallpatienten gibt es nicht mehr genug Behandlungsplätze. Nun soll dem Notfall aus der Not geholfen werden. Da ein Neubau erst in ein paar Jahren realisiert werden kann, hat die Baubewilligungskommission eine Zwischenlösung bewilligt. Das Gebäude wird an der Nordseite der Notfallaufnahme angebaut.

Keinen Hausarzt mehr

Die Zahl der Eintritte in die Notaufnahme des Kantonsspitals hat sich seit deren Eröffnung 1978 mehr als verdreifacht – auf heute etwa 33 000 Patienten pro Jahr. Und sie wird weiter steigen. «Die Zahl der Notfälle wächst jährlich zwischen drei und fünf Prozent», begründet der Chefarzt der Notfallaufnahme, Joseph Osterwalder, die Erweiterung, mit der die Zahl der Behandlungsplätze von 21 auf 29 aufgestockt wird.

Osterwalder führt die starke Zunahme auf mehrere gesellschaftliche Trends zurück. «Erstens lassen sich die Leute vermehrt dann untersuchen, wenn sie nicht arbeiten müssen. Also am Abend oder am Wochenende», sagt Osterwalder. Und da seien viele Praxen geschlossen. Zweitens hätten viele Menschen keinen Hausarzt mehr. «Das sind vor allem jüngere Menschen oder Ausländer, welche das Hausarzt-System nicht kennen.» Ein dritter Grund sei der Mangel an Hausärzten, insbesondere während Ferien und an Feiertagen. Und dann sind da noch demographische und soziale Ursachen. «Mit der alternden Gesellschaft nimmt auch die Zahl der schweren Notfälle zu», sagt Osterwalder. Und mit der Spass- und Risikogesellschaft Schlägereien und Sportunfälle.

Doch ist es Aufgabe des Spitals, den Hausarzt zu ersetzen? «Nein. Dieser Entwicklung jedoch per Verbot einen Riegel vorzuschieben, wäre gefährlich», sagt Osterwalder. In den meisten Fällen sei ein Besuch des Notfalls gerechtfertigt. «Möglicherweise hat jemand eine Woche lang Bauchschmerzen und entscheidet sich am Sonntag, in den Notfall zu gehen.» Und dann stecke plötzlich eine ernsthafte Krankheit dahinter. Es gebe deshalb kaum Notfälle, die man als völlig übertrieben und unnötig abtun könne.

Zusammenarbeit verstärken

Etwas anderer Meinung ist Margrit Kessler, Präsidentin der schweizerischen Stiftung SPO Patientenschutz. «Die Not ist bei allen Patienten gleich gross. Doch teils gehen sie wegen <Hafenkäse> in den Notfall», sagt sie. Problematisch sei dies, weil die Behandlungskosten im Spital deutlich höher seien als beim Hausarzt. Um diesem Problem Herr zu werden, müssten Spitäler und Hausärzte enger zusammenarbeiten. In einigen Städten werden seit längerem Kooperationsmodelle getestet (Kasten). «Diese Zusammenarbeit macht nicht zuletzt wegen des Mangels an Hausärzten Sinn», ist Kessler überzeugt.

Entlastung der Stadtärzte

«In der Stadt St. Gallen gibt es im Moment noch ausreichend Hausärzte», relativiert Robert Schönenberger, Präsident des städtischen Ärztevereins. Die Zukunft sehe allerdings weniger rosig aus, nicht nur bei den Grundversorgern, sondern auch bei den Spezialisten.

Eine Bündelung des Notfalldienstes am Kantonsspital erachtet Schönenberger vor dem Hintergrund dieser Entwicklung als sinnvoll. «Die Hausärzte werden dadurch entlastet», sagt er. Seit zwei Jahren übernehmen die Stadtärzte abwechslungsweise einen Teil des Notfalldienstes am Kantonsspital. «Parallel dazu bieten wir im Notfall Hausbesuche bei den Patienten an», erläutert Schönenberger das zweiteilige System.

Wenn der Hustensirup klemmt

Auch wenn die Bündelung des Notfalldienstes für die Stadtärzte gewisse Vorteile mit sich bringt, sieht Schönenberger die Zunahme der Notfalleintritte als problematisch an. «Der Begriff des Notfalls wird zunehmend verwässert.» Es bestehe eine wachsende Schere zwischen dem, was der Patient und was ein Mediziner als Notfall definiere. «Der Trend hin zum Konsum schneller, medizinischer Versorgung ist unverkennbar», sagt Schönenberger. Und veranschaulicht diesen Trend mit dem Beispiel einer Frau, welche morgens um drei beim Notfall angerufen hat, weil sie die Flasche mit Hustensirup nicht öffnen konnte.

Der Präsident des Hausärztevereins weist noch auf ein weiteres Problem hin. «Im Gegensatz zum Hausarzt kennt etwa ein Assistenzarzt am Spital die Krankheitsgeschichte eines Patienten nicht genau.» Als Folge würden die Patienten im Spital deutlich aufwendiger abgeklärt, um sicher nichts zu übersehen. Was für das Spital finanziell zwar durchaus interessant sei. Aber die Kostenspirale im Gesundheitswesen weiter nach oben treibe.





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