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Tagblatt Online
14. September 2010, 01:04 Uhr

Geselligkeit mit Tiefgang

Seit 75 Jahren gibt es in St. Gallen die Odd Fellows, eine Gemeinschaft, die Freundschaft mit persönlicher Entwicklung und sozialem Einsatz verbindet. Am Wochenende öffnete sie ihre Türen.

josef osterwalder

«Wir haben keine Geheimnisse», sagt Fredy Eichenberger vor dem Versammlungsraum der Odd Fellows. Die Türe steht darum weit offen, und der Altmeister ist bereit, alle Einrichtungen und Symbole zu erklären, mit denen der Raum geschmückt ist. Wie die Freimaurer verstehen sich auch die Odd Fellows als Loge und feiern Rituale, allerdings in einfacherer Form. «Die Gemeinschaft geht auf die Bauhütten im England des 18. Jahrhunderts zurück», erklärt Fredy Eichenberger; «man schloss sich zusammen, um einander beizustehen, namentlich auch den Witwen und Waisen.»

«Zur Ruhe kommen»

Eichenberger ist Altmeister; das heisst, er hat die obersten Chargen dieses weltlichen Ordens bereits ausgeübt. Derzeitiger Obermeister ist Franz Welte. Er leitet die Versammlungen von einem Stehpult aus. An einem weitern Pult steht ein Altmeister, dessen Aufgabe es ist, auf die Einhaltung der Rituale zu achten.

So formell? «Diese Formen sind kein Selbstzweck», erklärt Fredy Eichenberger. Ihr Sinn sei es, den Zusammenkünften Tiefgang zu geben. Man trifft sich nicht, um lose zu plaudern, sondern möchte zur Ruhe kommen, den Alltag hinter sich lassen, abschalten.

Bei den Zusammenkünften besinnen sich die Odd Fellows auf das, was im persönlichen Leben und in der Gemeinschaft wichtig ist. Franz Welte weist auf das Symbol der drei Ringe hin. Sie bedeuten Freundschaft, Nächstenliebe und Wahrheit. «Bei den Versammlungen denken wir darüber nach, was dies konkret bedeutet», fügt Eichenberger hinzu. Dazu dienen den Odd Fellows die Schriften der Bibel, der grossen Religionen und der Philosophen.

Ernsthaft und fröhlich

An den Wänden des Versammlungsraums hängen Bilder mit weiteren Symbolen: Liktorenbündel, Waage, Hand, Herz, Erdball; zudem, an hervorgehobener Stelle, ein Auge, eine Axt und ein Totenschädel. Mit dem ersten ist das alles sehende Auge gemeint. «Als Odd Fellow glauben wir an eine höhere Macht, ohne dass sich ein Mitglied auf ein bestimmtes Gottesbild festlegen müsste.» Die Axt deutet an, dass man aktiv in der Gesellschaft wirken muss. Der Totenschädel schliesslich symbolisiert das Jesus-Wort: «Wirket, solange es Tag ist; denn es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann.»

Ernsthaftigkeit, Arbeit an sich selber, ist das eine. «Doch bei unsern Zusammenkünften pflegen wir auch fröhliche Geselligkeit», sagt Franz Welte. Darum gibt es noch einen zweiten Raum, das Refektorium, in dem man nach dem Ritual gemeinsam ein Mahl einnimmt. Hier sitzt man fröhlich, aber nicht formlos zusammen. Ein Tafelmajor achtet darauf, dass das Mahl stilvoll verläuft.

Sozial engagiert

Besonders wichtig ist den Odd Fellows die tätige Nächstenliebe. So werden sie nächsten Samstag beim Genusstag dabei sein und für die Villa YoYo sammeln.

«Wir sind ein Gegenpol zur Spassgesellschaft, sagt Fredy Eichenberger. Das macht die Werbung neuer Mitglieder nicht gerade einfach. Doch die Werte, die die Odd Fellows vertreten, sind bleibend aktuell.

Die St. Galler Loge hat ihren Sitz an der Burgstrasse 39, in einem Wohnhaus, das sie dank eines grosszügigen Mitglieds vor 50 Jahren erwerben konnte. Gegründet wurde sie 1935, in der Zeit faschistischer Bedrohung. Damals galt es, den Werten, einer offenen, toleranten Mitmenschlichkeit besonders Sorge zu tragen.



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