Tagblatt Online, 08. Juli 2010 01:02:44
Gefühlte und reale Unorte
«Absolute Toleranz gibt es nicht»: Jürg Niggli mit (von links) Michael Heuberger, SP-Frau Ida Kraner und Andreas Scherrer beim Bahnhof. (Bild: Bild: Urs Jaudas)
Die erste Route des SP-Sommerprogramms führte die Teilnehmer vom Bahnhof- zum Marktplatz. Dabei wechselte die Diskussion allmählich auf entschlossenen Konsens, der sozialen Problematik der Stationen entsprechend.
Fredi Kurth
Wem gehört die Stadt? Die thematisch gestellte Frage am ersten Abend des SP-Sommerprogramms könnte pauschal mit «allen» beantwortet werden. Doch einige Plätze im öffentlichen Raum scheinen einigen etwas mehr zu gehören als andern. «Und es gibt Räume, die Angst machen», sagt Andreas Scherrer, Abteilungsleiter Prävention der Stadtpolizei. Da fragt sich: Handelt es sich um objektive Angst? Bezogen auf den Bahnhof und dessen Umgebung scheinen die Vertreter der Institutionen einer Meinung zu sein: Es trifft nicht zu.
«Am Bahnhof ist ein buntes Volk anzutreffen», sagt Jugendpolizistin Rahel Hug. Jugendliche sähen im zentralen Ort einen idealen Besammlungspunkt. Sie würden sich aber bald entfernen. Randständige hielten sich dort auf, führten aber auch nichts Böses im Schilde. Laut Andreas Scherrer ist das Unsicherheitsgefühl bei älteren Menschen eher stärker vorhanden als bei jüngeren.
«Wir schicken Patrouillen an einen Ort X, wo dieses Gefühl zum Beispiel um 22 Uhr besonders ausgeprägt ist.» Natürlich komme es vor, dass eine offene Handtasche einen Dieb verlocke.
Aus Furcht die Läden gemieden
«Was sind Randständige?», will jemand wissen. Natürlich, man kennt jene, die betteln, und jene, die auch an ihrer Hundebegleitung zu erkennen sind.
«Aber aufgestellte Haare oder Tätowierungen sind noch kein Merkmal», sagt Andreas Scherrer, «auch gibt es Leute, die einen halben Tag in der Woche arbeiten und auf diese Weise ihre bescheidenen Lebensbedürfnisse stillen.»
Jürg Niggli, Geschäftsführer der Stiftung Suchthilfe, erinnert sich an früher, als eine kleine Gruppe von Punks in der Stadt einzog. «Eine wunderbare Welt.» Dann sei die Szene grösser geworden und habe andere gestört. Absolute Toleranz gebe es eben nicht unter Menschen.
Dann seien die Passanten am Bahnhofplatz aus unbegründeter Furcht nicht mehr in die Läden gegangen. «So mussten wir, obwohl dazu objektiv kein Anlass bestanden hätte, die Punks auf die Kreuzbleiche umsiedeln.»
Vorbild: Neumarkt mit Brunnen
Was die Leute oft als problematisch empfinden, erachtet Michael Heuberger, Betriebsleiter Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit, als «spannend». Die Situation am Bahnhofplatz werde im Auge behalten.
Als idealtypisch bezeichnet er den Platz vor dem Neumarkt mit dem Brunnen, wo sich eine «sehr gute Durchmischung» von Leuten aufhalte.
Ab und zu gibt es Einwände von den Teilnehmern. «Das sehen viele anders», meint jemand zum Thema Randständige. «Leserbriefe in den Zeitungen belegen dies.» Jemand anderer hat einen Vorschlag, der von Niggli sogleich als «sehr gute Idee» aufgenommen wird: Nicht, dass Randständige die Bushäuschen am Bahnhof belegen, sei störend, sondern dass für sie dort keine andern Sitzgelegenheiten bestünden.
Das soziale Gleichgewicht zu finden, ist auch beim Bahnhofpärkli ein Thema, wobei zwischen «Tag- und Nachtbetrieb» zu unterscheiden sei. Flaschen werden nachts zurückgelassen, Gegenstände fliegen durch die Luft. «Das hat aber keineswegs nur mit Randständigen zu tun», sagt Andreas Scherrer.
«Kugl im Vergleich harmlos»
An diesem Punkt schlagen die Experten ernstere Töne an. Der Alkohol kommt ins Spiel. Vor allem im Bermuda-Dreieck und in der Altstadt. Aber auch am Oberen Graben schützt ein Hausbesitzer am Wochenende den Eingang mit Eisenwänden. Vorher war dieser zu fortgeschrittener Nachtstunde zu einem Urinoir geworden und einem Ort «sexueller Entladung». Niggli spricht von «Schlachtfeldern» bezüglich des Abfalls an den Wochenenden, der dank der Putzequipen am Morgen aber schon wieder verschwunden sei. Beim Kugl seien die Auswüchse im Vergleich zur Innenstadt gering. Lärm und Gestank sind aber nur die eine Seite, die andere heisst Gewalt: Es gebe Jugendliche, die bestimmte Orte aus Angst nicht mehr passierten. «Das kann es nicht sein», sagt Niggli.
Einwände sind nun keine mehr zu hören. Und es mag ein schwacher Trost sein, wenn diese Phänomene der Gesellschaft auch in andern Städten zu beobachten sind. Die Route endet am Marktplatz, neben dem «Calatrava», einem Ort der Hoffnung. «Ein sozial funktionierendes Biotop», bemerkt jemand. Ein Ort, wo sich Randständige und Passanten unter dem gleichen Dach vertragen. Vielleicht ein Ansatz, wie Konfliktorte beseitigt werden könnten.
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