Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
26. Februar 2016, 07:27 Uhr

«Eines Tages stirbt man»

Hazel Brugger tritt diese Woche zweimal in der ausverkauften «Militärkantine» auf. Die 22jährige Slam-Poetin erzählt am liebsten vom Sterben und reiht zwei Stunden lang Pointe an Pointe.

ROGER BERHALTER

ST.GALLEN. Mit dem Lächeln hat sie's nicht so. «Wenn ich lächle, sehe ich grauenhaft aus. So, als hätte ich Hunger auf Leute», sagt Hazel Brugger. Die Slam-Poetin aus dem Zürcher Unterland ist bekannt dafür, dass sie ihre Texte und Pointen fast regungslos ins Mikrophon spricht. Angeblich tat sie das anfangs aus purer Nervosität. Mit 17, an ihrem ersten Poetry Slam, las sie mit hohem Lampenfieber stur vom Blatt – und kam genau damit an.

Bei diesem Kontrast ist sie geblieben: Wie die Unschuld vom Land tritt sie auf die Bühne und erzählt unbekümmert vom Sterben und vom Tod. Auch an diesem Mittwochabend in der «Militärkantine» fräst sie den 120 Zuschauern Sätze ins Gehirn: «Eines Tages stirbt man. An allen anderen Tagen nicht.» Oder: «Sodomie ist das einzige Wort der deutschen Sprache, das ausschliesslich aus Abkürzungen von Wochentagen besteht.» Sonntag, Donnerstag, Mittwoch.

Slammerin und Kolumnistin

Mittwoch und Samstag: Zweimal ist Hazel Brugger diese Woche in der St. Galler «Militärkantine» zu Gast. Beide Vorstellungen sind längst ausverkauft, obwohl der Veranstalter kein einziges Werbeplakat aufhängen liess. Alle wollen die Slam-Poetin sehen, die zwar erst 22 ist, aber schon Referenzen hat wie alte Hasen: 2013 Schweizer Meisterin im Poetry Slam, regelmässiger Gast in deutschen Talkshows und bei «Giacobbo/Müller», Gastgeberin ihrer eigenen «Hazel Brugger Show» im Zürcher Theater am Neumarkt, Kolumnistin für «Hochparterre», «TagesWoche» und «Das Magazin». Und jetzt das: Ein erstes grosses Soloprogramm, «Hazel passiert», mit dem sie dieses Jahr durch die ganze Schweiz tourt.

Schweizer Stand-up-Comedy

Der Schritt vom fünfminütigen Slam-Auftritt zur abendfüllenden Show ist ein grosser, und Hazel Brugger meistert ihn souverän. Sie liest nicht einfach nur Slam-Texte und Kolumnen vor, sondern stellt sich in der Tradition amerikanischer Stand-up-Comedians vors Publikum: Scheinbar spontan und wild assoziierend beschreibt sie ihre Konflikte mit sich und der Welt. Ständig schweift sie ab, bleibt aber immer in der Rahmenhandlung des Programms: Hazel Brugger ist aus einem Comedy-Spermium gezeugt worden und kam auf die Welt, um zu erfahren, was Applaus ist. So pendelt sie zwischen Geburt («mein Coming-out als Baby») und Tod, vergleicht ihren Gottibueb mit Fusspilz und Babies mit Brot, und sie stellt minutenlang und mit dem ganzen Körper den Anblick eines schlaffen Penis nach.

«Teigbrei der Belanglosigkeit»

Das Morbide zieht sich durch den ganzen Abend. Ein Blumenstrauss ist für Hazel Brugger nichts weiter als ein Bündel sterbender Pflanzen, «Liebe ist, sich dazu bereit zu erklären, dem anderen beim Zerfallsprozess zuzuschauen», und die Zähne sind «der einzige Teil des Skeletts, den man schon sieht, wenn man noch nicht tot ist.»

All das schüttelt Hazel Brugger scheinbar aus dem Ärmel, und die Pointendichte ihrer zweistündigen Show ist schlicht wahnwitzig. Was der Zuschauer von ihren absurden Geschichten zu halten hat, liest sie ihm in einer erfundenen Kritik grad selber vor: «Brugger scheitert an ihrem selbstgewählten niedrigen Anspruch.» Ihre Pointen seien nichts weiter als ein «Teigbrei der Belanglosigkeit».

Stimmt alles nicht, im Gegenteil. Von dieser jungen Wort-Kabarettistin wird man noch viel hören.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

ostjob.ch  STELLENSUCHE

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

FACEBOOK.COM /TAGBLATT