Tagblatt Online, 27. Januar 2009 06:54:00
Die globalisierte Stiftsbibliothek
Urs Baumann pendelt zwischen den Jahrtausenden hin und her: Er digitalisiert den mittelalterlichen Handschriftenbestand der Stiftsbibliothek. (Bild: Bild: Ralph Ribi)
Alle mittelalterlichen Handschriften ins Internet, mit allen Seiten und Details. Dieses Projekt hat in der Stiftsbibliothek vor vier Jahren begonnen. Nun startet es in eine neue Etappe, mit neuem Geld und neuem Elan. Die Bibliothek gilt heute als «Digitalisierungszentrum von Weltrang».
Josef Osterwalder
So viel High-Tech würde man in einer alten Bibliothek nicht vermuten. Doch Urs Baumann bedient Apparate, die an ein hochmodernes Forschungslabor erinnern. Zuerst fällt das Gestänge auf, das sich in alle Richtungen biegen lässt; ein Wunderding an faltbarem Fachwerk, das dazu dient, eine hochauflösende Kamera und zwei Lichtquellen in jede mögliche Lage zu bringen.
Mittelalterforschung mit High-Tech
Direkt vor Urs Baumann befindet sich eine schwarz überzogene Unterlage; zwei Ebenen, die sich in einem Winkel von bis zu 140 Grad berühren. In diesen Winkel hinein hat Urs Baumann gestern den Codex 260 der Stiftsbibliothek hineingelegt. Mit aller Sorgfalt blättert er Seite um Seite der Handschrift durch und nimmt sie mit der Digitalkamera auf. Während der Aufnahme wird das aufgeschlagene Blatt mit einem saugenden Luftstrahl auf der Unterlage fest- und flachgehalten.
Modernste Technologie in den Apparaturen, ein 1200 Jahre altes Buch auf dem Aufnahmetisch, Urs Baumann pendelt bei seiner Arbeit zwischen den Jahrtausenden hin und her.
Was er und seine zwei Mitarbeiter über Jahre hinweg machen werden, gehört zu einem der aufwendigsten Projekte, die in der Mittelalterforschung gestartet worden sind. Es geht darum, den ganzen mittelalterlichen Handschriftenbestand der Stiftsbibliothek aufzunehmen, in Faksimile-Qualität ins Internet zu stellen und damit weltweit – und gratis – zugänglich zu machen.
Das Projekt hat vor gut vier Jahren mit bescheidenen Mitteln begonnen, hat sich herumgesprochen, mehr und mehr Aufsehen erregt und immer weiter ausgeweitet. Mit dem neuen Jahr hat es ein Etappenziel erreicht. Gleichzeitig wurden vom Hauptsponsor eine weitere Million Dollar gesprochen, was nun zur nächsten Etappe starten lässt. Gestern nahm die Stiftsbibliothek dies zum Anlass, über Stand und Umfang ihres Digitalisierungsprojekts zu orientieren.
Die Idee, Handschriften zu digitalisieren und ins Internet zu stellen, ist eigentlich naheliegend. Um dies aber zu verwirklichen, braucht es neben der Idee auch Leute, die sie durchführen, und Geldgeber, die sie ermöglichen.
Ideell ist das Projekt der Zusammenarbeit von Stiftsbibliothekar Ernst Tremp und Christoph Flüeler zu verdanken. Beide kennen sich von der Universität Freiburg her, beide unterrichten Mittelalterkunde, freilich von zwei unterschiedlichen Ansätzen her. Während Tremp die inhaltlichen Stoffe vermittelt, ist Flüeler auf historische Hilfswissenschaften spezialisiert. Und zu diesen gehört heute eben nicht nur das Wissen von Handschriften und Urkunden, sondern auch der Einsatz der Computertechnologie.
Achse St. Gallen–Freiburg
Als Tremp vor acht Jahren zum Stiftsbibliothekar in St. Gallen gewählt wurde (mit einem nun reduzierten Pensum in Freiburg), blühte die Zusammenarbeit der beiden erst recht auf. Denn in St. Gallen hütet der Stiftsbibliothekar einen Handschriftenschatz, der zu den bedeutendsten der Welt zählt.
Handschriften hier, technisches Know-how dort und zwei Professoren, die das Potenzial dieses Zusammentreffens erkennen – dies führte auf direktem Weg ins Internet-Zeitalter.
Erst dachte man an die Herausgabe von CDs mit faksimilierten Handschriften. Doch bald schon realisierten Flüeler und Tremp, wie rasend schnell sich das Internet entwickelt. Für die Verbreitung wissenschaftlicher Grundlagen war die Zeit der CD abgelaufen. Daten werden direkt ins Internet gestellt.
Die Idee, die Handschriften digitalisiert im Internet zugänglich zu machen, war damit geboren, aber noch nicht realisiert. Zuerst ging es auf Betteltour, ans Abklopfen der Stiftungen. Ein erster Lichtblick ergab sich, als Tremp und Flüeler im Dezember 2004 von der UBS-Kulturstiftung 100 000 Franken erhielten. Damit konnte gestartet werden.
Den zweiten Lichtstrahl eröffnete Hans Rüttimann, der im Frühling 2005 die Stiftsbibliothek besucht hatte. Rüttimann stammt aus der Schweiz, lebt in New York und ist Senior Adviser der dortigen Mellon Foundation, einer Stiftung, die jährlich Projekte in der Höhe von 210 Millionen Dollar unterstützt. Rüttimann besuchte die Bibliothek, weil er auch in seiner Heimat einen kulturellen Akzent setzen wollte. Mit diesem Anliegen aber rannte er in St. Gallen, das gerade das Digitalisierungsprojekt gestartet hatte, offene Türen ein. Mit der Million, die die Mellon Foundation gesprochen hatte, konnte man das Projekt weit grosszügiger angehen, als man zunächst gedacht hatte. Die gerade zugesagte zweite Million der Mellon Foundation ermöglicht die Fortsetzung des Projekts für mindestens zwei weitere Jahre.
«Sensationeller Betrag»
Inzwischen konnte mit weiteren Stiftungen das Digitalisierungsprojekt ausgeweitet werden. Heute besteht die Absicht, nicht nur die Mittelalter-Handschriften der St. Galler Bibliothek, sondern der ganzen Schweiz ins Internet zu stellen. Weil dazu inzwischen 2,4 Millionen Franken bereitgestellt wurden, kann das Projekt mit hoher Professionalität weitergeführt werden. «Ein sensationeller Betrag für ein Kulturprojekt», sagt Flüeler. Beteiligt sind am Projekt 10 Personen mit insgesamt 550 Stellenprozenten.
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