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Tagblatt Online
20. Januar 2016, 07:30 Uhr

Die Reihen lichten sich

Einsames Hobby? So arg ist es nicht, doch fast alle Blasmusikvereine der Stadt müssen sich anstrengen, ihre Reihen zu füllen. Zoom

Einsames Hobby? So arg ist es nicht, doch fast alle Blasmusikvereine der Stadt müssen sich anstrengen, ihre Reihen zu füllen. (Bild: Archivbild: Trix Niederau)

ST.GALLEN. Wegen markanten Mitgliederschwunds löst sich die Westmusik diesen Frühling auf. Eine Umfrage bei den anderen Musikvereinen der Stadt zeigt: Die Sorge um Mitglieder kennen fast alle. Mit der Musik an sich hat das nur bedingt zu tun.

BEDA HANIMANN

Es hat etwas Paradoxes. In einer musikverrückten Zeit lösen sich Chöre auf, oder die verbliebenen Sänger schliessen sich regional zusammen. Und nun hat die Entwicklung auch die Blasmusik erreicht. Anfang Jahr meldete die Westmusik: «Wir geben nach über hundert Jahren auf.» (Ausgabe vom 9. Januar). Wegen der stetig sinkenden Mitgliederzahl sei der Verein bei den meisten Anlässen nicht mehr spielfähig, dies das nüchterne Fazit.

Das Problem stellte sich freilich nicht über Neujahr – und ist keine Eigenheit der Westmusik, wie eine Umfrage bei den anderen Blasmusikvereinen der Stadt ergab. «Nachwuchsprobleme haben generell alle», sagt Rita Fürer, die Präsidentin der Musikgesellschaft St.Gallen Ost.

Stadt-Land-Graben

Trotzdem gibt es Nuancen – und eine grosse Ausnahme: die Knabenmusik. «Wir haben keine Probleme, Junge zu rekrutieren, unser Bestand ist konstant», sagt deren Präsident Markus Straub. Das zeigt, dass es nicht um eine grundsätzliche Musizier-Verdrossenheit geht. Straub verweist auf allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen und nennt das Stichwort Individualismus. Peter Artho von der Otmarmusik sagt es so: «Die Lust, sich das ganze Jahr über total für einen Verein zu verpflichten, ist am Schwinden.»

Straub, der lange Zeit auch Präsident des Kreises St.Gallen im kantonalen Blasmusikverband war, macht einen Stadt-Land-Graben aus. In der anonymen urbanen Gesellschaft sei die Entwicklung zum Individualismus deutlicher spürbar, während in Dörfern das Zusammengehörigkeitsgefühl noch grösser sei. «Das ist der Nachteil der Stadt, das Vereinsleben leidet unter den gesellschaftlichen Entwicklungen», sagt er. Das betreffe auch andere Arten von Vereinen und sogar Parteien.

Einschätzungen mit Nuancen

Kein Wunder also, dass sich die Einschätzungen der Situation im eigenen Verein mit Nuancen ähnlich anhören. «Wir haben enorm Mühe, neue Mitglieder zu bekommen», sagt Robert Gstöttner von der Polizeimusik. «Als Verein mit relativ tiefem Altersschnitt haben wir naturgegeben viele Wechsel. Wir haben Mitgliederprobleme, aber wir können spielen», sagt Bettina Gschwend von der Musikgesellschaft St.Georgen. Die Musikgesellschaft St.Gallen Ost hatte vor 20 Jahren eine grosse Krise, ein harter Kern habe aber durchgehalten, sagt Rita Fürer. «Im Moment ist es nicht überschwenglich, aber es geht.»

Die Gallus-Musikanten sind laut deren Präsident Ernst Lenggenhager «ein etwas spezieller Verein». Weil man sich auf böhmische Blasmusik spezialisiert, reicht ein Bestand von gut 20 Mitgliedern – und der kann in etwa gehalten werden.

Arbeiten mit Zuzügern

Auch die Otmarmusik ist «nicht in der gesegneten Situation, dass wir massenweise Interessenten abweisen müssten», sagt Peter Artho süffisant. Ein grosser Stamm trägt den Verein, für grössere Projekte müsse man aufstocken und mit Zuzügern arbeiten, sagt Artho. «Das ist heute einfach so.» Auch die Stadtmusik mit einem fixen Bestand von 50 Mitgliedern musste für die Teilnahme am internationalen Blasmusikwettbewerb in Valencia vom vergangenen Sommer 25 zusätzliche Musiker suchen – was nicht zuletzt dank der Ausstrahlung des Dirigenten Tristan Uth gelungen ist. Was Präsident Philipp Egger besonders freut: Mehr als die Hälfte davon ist nach dem Wettbewerb geblieben. «Das zeigt, dass der Verein funktioniert. Es ist schön, wenn man so wachsen kann», sagt er. Das Beispiel zeigt auch: Neben der musikalischen Ausrichtung sind es oft persönliche Beziehungen, denen neue Mitglieder zu verdanken sind.

Selbsthilfe durch IG Blasmusik

Das gilt auch, wenn Knabenmusik-Mitglieder altersbedingt aus dem Verein ausscheiden und vor der Frage stehen: Was nun? Oft entschieden sich einige Kollegen, aufgrund persönlicher Kontakte gemeinsam in diesen oder jenen Verein zu gehen, sagt Straub. Den gelegentlich geäusserten Vorwurf, die städtischen Musikvereine profitierten zu wenig vom Ausbildungsorchester Knabenmusik, lässt er nicht gelten. St.Georgen, Otmarmusik, Stadtmusik oder Polizeimusik bekämen regelmässig Knabenmusik-Abgänger, sagt er. Aber es sei logisch, dass diese nach der guten Ausbildung auf 1.-Klass-Niveau genau überlegten, welcher Verein ihren musikalischen Ansprüchen gerecht werde.

Um die Mitgliedernot zu entschärfen, haben elf Vereine aus St.Gallen und Umgebung vor sechs Jahren die IG Blasmusik gegründet, die auch Bläserkurse für Erwachsene anbietet. Seit 2012 wurden bereits zehn Bläserklassen geführt.



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