Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 6. Februar 2009, 07:20 Uhr

Der trendige Jesus als Erfolgsrezept

Zoom

Gottesdienst in der «Kirche, die bewegt»: Gust Ledergerber ist Pastor der Stadtmission.

ST.GALLEN. Die Evangelikalen feiern Gottesdienste mit Beamer und frommer Popmusik und sagen, Jesus verändere ihr Leben. Das funktioniert: Während die Landeskirchen zahlenmässig deutlich schrumpfen, wachsen Freikirchen. Der Religionssoziologe Jörg Stolz sagt, wer die Evangelikalen sind.

Interview: Daniel Klingenberg

Herr Stolz, Evangelikale feiern Gottesdienste mit heissem Sound und Videoclips, singen und beten mit Inbrunst und glauben, dass Gott mit Wundern in ihr Leben eingreift. Wer sind diese Menschen?

Jörg Stolz: Der Angelpunkt evangelikaler Christen ist ihre Bekehrung. In der Regel können sie das Datum dieser Lebenswende angeben. Sie sagen, sie hätten ihr Leben «Jesus übergeben» und würden «Jesus gehören». Die Bekehrung strukturiert ihr Leben in ein Vorher-Nachher.

Evangelikale Gruppen haben Zulauf. Wieso sind sie attraktiv?

Stolz: Sie geben mit hohem Engagement und den Mitteln der heutigen Kommunikationsgesellschaft eine einfache Botschaft weiter. Sie verstehen es, diese zu emotionalisieren. Hinzu kommt starker sozialer Zusammenhalt.

Was sind «Evangelikale»?

Stolz: Das englische «evangelical» wird im deutschen Sprachraum ab Mitte des 20. Jahrhunderts als Sammelbegriff verwendet. Evangelikale haben ihre Wurzeln in der Reformation, im 19. und 20. Jahrhundert gab es Erneuerungsschübe. In der Schweiz zählt man rund 1400 freikirchliche Gemeinden, von denen die meisten zu einer von mehr als 30 «Kirchen» gehören. Neben der Bedeutung der Bekehrung kennzeichnet sie drei weitere Merkmale: Tod und Auferstehung von Jesus Christus ist das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte, die Bibel verstehen sie wörtlich und legen viel Wert auf Mission. Sie selber benützen «Evangelikale» eher zurückhaltend und sprechen lieber einfach von «Christen».

Statt Altar und Kanzel haben sie eine Bühne in ihren Kirchen, die wie Mehrzweckhallen aussehen.

Stolz: Als Protestanten haben sie kein sakrales Verständnis von Gebäuden wie Katholiken. Man geht an den Ort, der den Bedürfnissen dient. Diese Überlegung gilt auch für den Gottesdienst. Wichtig ist, dass die Menschen von heute erreicht werden: Die «Verpackung» hat enorme Bedeutung.

Ihre Stärke ist die rasche Anpassung an neue Verhältnisse.

Stolz: Ja. Ihre Gottesdienste integrieren die Multimedia-Welt mit viel technischem Aufwand. Denn Freikirchen müssen Erfolg haben, sonst gehen sie unter. Sie können sich nicht auf Kirchensteuern abstützen, sondern sind auf Spenden ihrer Mitglieder angewiesen.

Die International Christian Fellowship (ICF) füllt ganze Hallen mit jungen schönen Christen. Ist für ICF das Christsein Lifestyle?

Stolz: Man muss unterscheiden. ICF gehört innerhalb der Freikirchen zu den «charismatischen» Gruppierungen. Das griechische Wort bedeutet «Gnadengaben», gemeint sind von Gott verliehene Fähigkeiten, etwa Heilung von Kranken oder «Zungenrede». Wer in Zungen redet, spricht unverständliche, vom Heiligen Geist verliehene Worte, welche eine andere Person auslegt. Besonders an ICF ist zusätzlich, dass Christsein nicht nur die ernsthafte Bemühung, eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus zu haben, ist – es ist auch eine Frage des schöneren Lebens. Ein Beispiel: Bei ICF erzählen verheiratete Paare auf der Bühne, dass sie seit der Bekehrung besseren Sex haben.

Sex vor der Ehe ist aber undenkbar.

Stolz: Durchs Band gilt: Evangelikale sind bezüglich Sexualmoral und Geschlechterrollen konservativ. In sozialen Fragen können sie aber progressiv sein. Politisch sind sie nicht eindeutig: es gibt linke und rechte Evangelikale.

Wie unterscheidet sich die Stadtmission von ICF?

Stolz: Die Stadtmission gehört zu der Freikirchen-Gruppe der «Moderaten». Diese machen etwa die Hälfte der Evangelikalen aus. Weder nimmt man die Bibel übertrieben wörtlich noch interessiert man sich überspitzt für spektakuläre charismatische Erlebnisse.

Evangelikale boomen, Landeskirchen sind out. Stimmt das?

Stolz: Freikirchen sind in den vergangenen 40 Jahren zahlenmässig leicht gewachsen, während die Landeskirchen insgesamt – aber nicht überall – deutlich schrumpfen. Die Zahl der Evangelikalen ist aber nicht riesig: Etwas über 2 Prozent der Schweizer Bevölkerung gehören dazu.

Man hat aber den Eindruck, Freikirchen seien stark im Aufschwung.

Stolz: Das liegt daran, dass ihre Mitglieder sehr aktiv sind. Sie reden im Alltag von ihrem Glauben und montieren Jesus-Kleber auf ihr Auto. Weil sie bereit sind, für ihren Glauben einzustehen und damit auch polarisieren, sind sie in der Öffentlichkeit sichtbar.

Warum wachsen Evangelikale?

Stolz: Vor allem aus demographischen Gründen: Freikirchler haben mehr Kinder als der Schweizer Durchschnitt und schaffen es, dass diese kaum abwandern. Daneben gibt es aber durchaus Bekehrungen «von aussen».

Wie ist das Verhältnis zu den Landeskirchen?

Stolz: Traditionell ist es gespalten. Evangelikale kritisieren das liberale Gedankengut und die Unsicherheit in Glaubensfragen. Zum Teil versuchen sie, die Kirche «von innen» zu reformieren. Umgekehrt werfen die Landeskirchen den Evangelikalen Vereinfachung und Naivität vor, sind aber neidisch auf deren Zulauf. Es gibt aber auch gute Zusammenarbeit.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
keine

Anzeige:

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Fussball