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Tagblatt Online, 01. Februar 2012 08:02:00

Der höchste Job der Stadt

St. Gallen - Kranführer Toma Fachhochschule Zoom

Sprosse um Sprosse: Fünf bis zehn Minuten braucht Kranführer Jovic Toma bis zur Kabine. (Bild: Ralph Ribi)

ST.GALLEN. Er sitzt in einer winzigen Kabine und steuert ein über 100 Tonnen schweres Ungetüm. Jovic Toma ist Kranführer und bedient bei der neuen Fachhochschule den zurzeit grössten Kran in der Stadt. Ein Job in schwindelerregender Höhe.

TOBIAS HÄNNI

Jovic Toma braucht nur zum Lesen eine Brille. «In die Ferne sehe ich sehr gut», sagt der 57-Jährige. Einen scharfen Blick muss er bei seinem Job auch haben: Toma ist Kranführer bei der Stutz AG. Er steuert zurzeit einen der drei Kräne, die beim FHS-Neubau im Einsatz sind. Es ist der grösste in der ganzen Stadt.

Lastwagen wie Spielzeuge

Der Schweizer mit serbischen Wurzeln hat damit nicht nur den höchsten Arbeitsplatz der Stadt, sondern wohl auch einen der kleinsten. 75 Meter über dem Boden sitzt er in einer Kabine, die nicht nur von unten winzig aussieht, sondern auch winzig ist. Ein drehbarer Sessel mit zwei Steuerknüppeln, für viel mehr hat es in dem Glaskasten keinen Platz. Oben an den Fensterscheiben hängen alte Zeitungen, «damit die Sonne nicht blendet».

Ansonsten: kein Radio, keine Familienbilder. Nichts, was Toma ablenken könnte. «Ich muss mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren», sagt der zweifache Vater, während er die Steuerknüppel bedient. Mit Fingerspitzengefühl bewegt er den 70 Tonnen schweren Kranarm. Hebt schwere Holzträger vom Boden und setzt sie sanft auf einem Lastwagenanhänger ab. Per Funk erhält er Anweisungen von den Bauarbeitern, die aus dieser Höhe wie Legomännchen aussehen. Die Sicht ist relativ gut an diesem Vormittag. «Schwierig ist es bei Nebel», sagt Toma. Dann nützen ihm auch seine guten Augen nichts mehr. Sozusagen blind lässt er sich von seinen Kollegen über Funk genaue Anweisungen geben.

Keine Zeit für die Aussicht

Der Kran, welcher für den Bau der 65 Meter hohen Fachhochschule verwendet wird, ist ein stählernes Ungetüm. Über 100 Tonnen schwer, mit einem 70 Meter langen Arm. «Es ist der höchste Kran, den ich je bedient habe», sagt Toma. Doch Zeit, um die atemberaubende Aussicht über Stadt und Region zu geniessen, hat er keine. «Bei grossen Baustellen wie dieser komme ich manchmal kaum dazu, Wasser zu trinken.» Vor allem, als die Fachhochschule Stock um Stock in den Himmel wuchs, war Tomas Kran im Dauereinsatz.

Die grösste Herausforderung war für den Kranführer das Einpassen von tonnenschweren Betonelementen in die Aussenfassade. «Das war Millimeterarbeit», sagt Toma stolz. Am besten gefalle ihm aber das Betonieren. «Ich versuche, den Arbeitern so schnell wie möglich neuen Beton zu liefern.» Dabei immer schneller zu werden, sei wie ein kleiner persönlicher Wettkampf.

In der Not in die Flasche

Toma ist kein Mann der grossen Worte. Vielleicht macht es ihm deshalb nichts aus, täglich über acht Stunden alleine in der Krankabine zu sitzen. «Hier oben habe ich meine Ruhe», sagt er. Reden könne er in der Mittagspause. Oder nach der Arbeit. Wenn die anderen Arbeiter um neun Uhr einen Kaffee trinken gehen, bleibt Toma auf dem Kran. Für die dreissigminütige Pause die unzähligen Sprossen runter- und wieder raufzuklettern, lohne sich nicht. «Ich brauche fünf bis zehn Minuten, um raufzukommen», sagt Toma. Und was macht er, wenn er dringend aufs WC muss? «Normalerweise gehe ich am Morgen und am Mittag.» Und im Notfall benutze er eine Flasche. Toma ist froh, hat er noch nie schwere Magenprobleme gehabt.

Keine Angst vor Bewegung

Seit 25 Jahren ist Toma, der sich in Serbien zunächst zum Maurer ausbilden liess, nun bereits Kranführer. Er war beim Bau des Athletik Zentrums und des St. Leonhard-Gebäudes dabei. «In dieser Zeit habe ich nie einen Unfall verursacht», sagt er und bekreuzigt sich vorsorglich.

Angst hat Toma bei seiner Arbeit in luftiger Höhe nicht. Auch nicht, wenn sich der obere Teil des Krans um drei bis vier Meter bewegt, weil die Bauarbeiter die Betonkübel zu schnell leeren. «Wenn das Gewicht weg ist, schwingt der Kran nach hinten», sagt Toma. Doch daran habe er sich längst gewöhnt.





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