Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
27. Februar 2016, 08:54 Uhr

Der Kosmos als Raumlabor

Der St. Galler Künstler Karl Fürer feiert dieses Jahr seinen siebzigsten Geburtstag. Grund für die Stadt, ihm im Architekturforum Ostschweiz eine Plattform zu schaffen. Karl Fürer bespielt das Forum subtil mit Sinn und Klang.

BRIGITTE SCHMID-GUGLER

ST.GALLEN. Keine Rückschau sollte es werden, sagt Karl Fürer, besser gefalle ihm das Wort Ausschau. Ein Schauen auf Inhalte, auf die Kunst als Instrument der Erkenntnis. Ähnlich hatte er sich vor gut zehn Jahren in einem Porträt über sich geäussert. Damals hatte er noch an der Schule für Gestaltung unterrichtet. Satte Jahre, nennt er sie, ein Pensum, das einen auch als Familienvater recht leben liess. Das war nicht immer so. In den 1960er-Jahren musste ein freier Kunstschaffender noch um eine Aufnahme in die GSMBA kämpfen (Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten; heute: Visarte). Ein elitärer Zusammenschluss von fast ausschliesslich männlichen Künstlern, die nur in ihren Club aufnahmen, wer künstlerisch zu überzeugen vermochte. Fürer zeigte den Herren, was Kunst ist. Auf seine Kunst-Art, die zurückhaltend, leise war und blieb. Wie der Mensch, aus dessen Händen sie floss und immer noch fliesst. Ein Mensch, der die Schritte auf dieser Erde als einen nie endenden Spaziergang des Staunens und des Fragens begreift. Was ist das Wesen der Dinge? Was ist dort, wo sich der imaginäre Faden der Ariadne, der uns aus dem Labyrinth des ewigen Suchens führen könnte, ins Nichts auflöst? Das Materielle sich ins Feinstoffliche verabschiedet?

Bewegung und Klang

Man könnte sich für Erklärungsversuche der Sprache, des Essays, des Alphabets bedienen, Buchstaben aneinanderreihen, wie sein langjähriger Freund und Vernissage-Redner, der frühere Beauftragte der städtischen Fachstelle Kultur, Andre Gunz, es tat. Während Letzterer sich dem Schreiben zuwandte, blieb Karl Fürer bei Pinseln und Farben. Und bei Feder und Bleistift. Die Stirnwand des Architekturforums zeigt wenige Bilder aus den 1970er-Jahren. Darunter das grossflächige Alphabet als figürlich dargestellte Gebärdensprache – der Tanz der Hände wird sich in späteren Werken in einen Tanz der Sinne verwandeln. Ausgelassene Strichführung hinein in die knallbunte Drehung des Derwischs. Karl Fürer hat die rechte Seitenwand als Petersburger Hängung gestaltet, das heisst, die Werkgruppen und Leporellos reichen bis fast unter die Decke. Die Klang-Bilder in Mischtechnik auf Leinwand, Karton und Holz, manche der Serien auch im öffentlichen Raum vertreten, dominieren. Der Künstler arbeitete wiederholt mit Musikern, die Inspiration war gegenseitig und schlug sich bei Fürer nieder als Glück des Geschicks.

Gedehntes Ganzes

Auf doppelseitigen Notenblätter hingeworfene, gesprengte, gesäte Intervalle – ereignisreiche Zwischenräume, die in der klanglichen Farbskala bis ins tiefste Dunkel reichen, aus dem heraus es Funken sprüht. Dann wieder ordnet Karl Fürer lange Aufbewahrtes wie abgestrichene Farbreste zu Collagen. Daneben sein «Alchemistisches Tagebuch» und seine «Etüden» in Anlehnung an Gustav Mahler.

Jawlenskys «Meditationen» fallen einem ein, wenn man die wie matter Schiefer schimmernden Leinwände betrachtet, die in ihrer Mehrschichtigkeit von Farbtönen dorthin führen, wo Fürer den Äther der Geburt erahnt. Im Kosmos und seinem urzeitlich summenden Klang «hört» der Künstler das unberührbare Immaterielle und lässt es in seiner Bildsprache ins Bewusstsein der Betrachtenden treten. Auf einem Stuhl liegt das Objekt «Erdenträumer und Himmelslauscher». In diesem «Klang der Welt», wie er seine Ausstellung betitelt, ist Karl Fürer festen Schrittes unterwegs.

Ausstellung im Architekturforum Ostschweiz, Davidstrasse 40, bis 20. 3. Offen Di–So, 14.00–17.00. 6.3., 15 Uhr: Saxophonist Markus Gsell spielt zu den Bildern.


Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

ostjob.ch  STELLENSUCHE

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

FACEBOOK.COM /TAGBLATT