Auch Kameras sehen nicht alles

ST.GALLEN. Der Bohl ist videoüberwacht. Doch das heisst noch lange nicht, dass bei einer Straftat vor Ort der Täter automatisch überführt wird. Die Videoüberwachung hat Grenzen, wie ein aktueller Fall zeigt.

18. Januar 2016, 06:52
Roger Berhalter

Es geschah vor einem Monat, in einer Samstagnacht um 1.30 Uhr: Ein 18jähriger Abtwiler war mit Fussballfreunden auf dem Heimweg und wartete am Bohl auf den Bus. «Plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde er von hinten angerempelt und an die Wand gedrückt», schreibt seine Mutter in einem E-Mail an die Redaktion. Erst nach einem Schlag an die Schläfe habe ihr Sohn schliesslich in den Bus einsteigen können.

Am darauffolgenden Montag erstatteten die Eltern Anzeige. Sie waren zuversichtlich, dass sich die Täter schnell ermitteln lassen: «Dort gibt es ja Überwachungskameras.» Doch sie hätten erfahren müssen, dass auf den Kamerabildern gar keine Gesichter zu erkennen seien. Nun stellt die Mutter kritische Fragen: «Ist es möglich, dass alle Kameras auf öffentlichem Grund keine Bilder liefern können, auf welchen Personen zu erkennen sind? Was nützen denn diese Kameras?»

Zoomen geht nicht

Roman Kohler, Mediensprecher der Stadtpolizei, relativiert die Macht der Kameras. «Viele Leute haben falsche oder zu hohe Erwartungen, was die Videoüberwachung betrifft.» So handle es sich bei den vier Videokameras am Bohl um analoge Kameras ohne Zoomfunktion. Sie seien nur bedingt dazu geeignet, Personen zu identifizieren. «Vergrössert man die Bilder, ist dies unweigerlich mit einem Qualitätsverlust verbunden.»

Ohne auf den erwähnten Fall näher einzugehen – zuständig ist die Kantonspolizei – sagt Kohler: «Selbst mit der besten Kamera hat man keine Garantie, dass man auf den Bildern Personen identifizieren kann.» Auch Stadtrat Nino Cozzio dämpft die Erwartungen: «Videoüberwachung stellt kein Allheilmittel für die Verbrechensbekämpfung dar», sagte er im vergangenen Oktober gegenüber dieser Zeitung.

Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, gibt die Polizei zur erwähnten Rangelei am Bohl keine näheren Auskünfte. Auch nicht zur Frage, ob die Bilder der Videokameras in diesem konkreten Fall hilfreich waren oder nicht.

Stadtrat liefert bald Antworten

Wie hilf- und erfolgreich die Videoüberwachung im öffentlichen Raum seit 2008 insgesamt war, dazu wird der Stadtrat demnächst Stellung nehmen. Im Stadtparlament ist ein entsprechendes Postulat hängig. Die Stadtparlamentarier Monika Simmler (Juso) und Etrit Hasler (SP) wollen wissen, ob die Videoüberwachung die erhoffte Abschreckungswirkung habe, ob sie die Kriminalität habe vermindern können und ob sich die Bevölkerung dank der Kameras sicherer fühle. Noch im ersten Halbjahr 2016 soll der Stadtrat auf diese und weitere Fragen Antworten liefern.

«Project X» als Erfolgsbeispiel

Bis dahin bleibt manche Frage offen. So ist es mit den Kameras manchmal eben doch möglich, Personen zu identifizieren. Jedenfalls war das nach der so genannten «Project X»-Party vom 14. Juli 2012 so.

Damals kam es auf dem Bohl zu einer illegalen Versammlung und zu Ausschreitungen. Danach wurden 23 Personen angezeigt – die Polizei hatte sie mit Hilfe von Videoaufnahmen überführt. Roman Kohler von der Stadtpolizei erinnert sich: «In einer solchen Situation bieten die Kamerabilder einen besseren Überblick über den Platz, als es die Einsatzleitung vor Ort hat.» Dass die Polizei «live» zusieht, ist aber die Ausnahme (siehe Zweittext).


5 Leserkommentare

Anzeige: