Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 25. Februar 2010 01:01:49

Abend unter Abrahams Erben

Zoom

Derya Özonar erläutert bei der religionskundlichen Abendfahrt die Einrichtungen der türkischen Moschee und die «Fünf Säulen des Islam». (Bild: Bild: Reto Martin)

Moschee, Synagoge, Dom – zu diesen drei Stationen führte der Anlass vom Dienstagabend, zu dem die CVP-Stadtpartei eingeladen hat. Eine Gelegenheit, den Austausch unter den Religionsgemeinschaften zu pflegen.

josef osterwalder

Die Moschee an der Meisenstrasse, die Synagoge im Bleicheli und der Dom im Klosterviertel, so nah sich diese religiösen Zentren räumlich sind, so gross scheint die innere Distanz noch immer zu sein. Dabei haben alle drei Religionen, Islam, Judentum und Christentum, Abraham als gemeinsamen Stammvater. Genau so, wie alle drei mit ihrem Ein-Gott-Glauben gegen eine überbordende antike Götterwelt angetreten waren.

Gemeinsam ist den drei Religionen auch, dass sie Buchreligionen sind, wobei Juden und Christen die Schriften der Thora und Propheten (Altes Testament) miteinander teilen, manche dieser Inhalte aber auch im Koran zu finden sind.

Ornamente und Bilder

Doch trotz oder gerade wegen dieser Nähe haben sich die drei abrahamitischen Religionen auseinander gelebt, andere Gebets- und Gottesdienstformen entwickelt. Und dabei vergessen, wie vieles an den Unterschieden letztlich in Äusserlichkeiten besteht.

Diese fielen denn auch beim Abendanlass als erstes ins Auge. In der Moschee beeindruckte die zierlich ornamentierte Keramik, mit der Gebetsnische, Kanzel, Vortragsstuhl und Säulen umgeben sind.

In der Synagoge, der zweiten Station der religiösen Abendexkursion, wirkt die Ausstattung fast noch orientalischer. Auffallend, wie hier die Bänke der Gottesdienstbesucher wie kleine Pulte aussehen, was das Thema Buchreligion besonders betont.

Nach dem Besuch von Moschee und Synagoge sah man dann auch den Dom plötzlich mit andern Augen an. Hier sind die Wände nicht mehr mit Ornamenten überzogen, sondern über und über mit Bildern geschmückt. Islam und Judentum halten sich streng an das Bilderverbot der Schrift; im katholischen und orthodoxen Christentum dienen Bilder jedoch als Vermittlung religiöser Botschaften. Freilich gilt auch hier, dass nicht die Bilder, sondern das durch sie Repräsentierte angebetet wird.

Islamkunde von der Muslima

Grösste Überraschung war für die Teilnehmenden wohl, dass ihnen die türkische Moschee nicht von einem Imam oder Gemeindevorsteher erklärt wurde. Die Einführung in den Raum und die «Fünf Säulen des Islams» gab Derya Özonar, eine junge Muslima, die einen besondern Kurs für Moschee-Führungen besucht hatte.

Ergänzt wurde ihr Blitzkurs in Islamkunde durch Hisham Maizar, der als fundierter und offener Partner im interreligiösen Gespräch landesweit bekannt geworden ist.

Er betonte, dass im Islam nicht einfach die äusserliche Erfüllung der religiösen Rituale zählt, sondern der innere Vollzug. Solche ethische Haltung macht den Islam zu einer wertvollen Bereicherung.

Rabbi und Pfarrer

Hier knüpfte Rabbi Hermann Schmelzer bei der Vorstellung des Judentums an.

Was und wie Gott ist, bleibt dem Menschen verborgen, wichtig jedoch ist, sein Leben auf Gott hin auszurichten und von ihm her zu sehen. Ob und wie das gelingt, zeigt sich am ethischen Verhalten des Menschen.

Dompfarrer Josef Raschle empfing die Teilnehmer der religionskundlichen Abendfahrt im alten Mönchs-Chor des Doms. Auch er setzte nicht bei ätherischen Höhenflügen an, sondern deutete das Christentum vom praktischen Lebensvollzug her, wie er für die Gallusmönche massgebend war. Am Beispiel von Abt Otmar zeigte er, wie sich christliches Leben als Nachfolge versteht und ethisch bewähren muss.

Kein Lippenbekenntnis, sondern eine Hinwendung des Herzens zu Gott und dem Mitmenschen – darin sind sich alle drei abrahamitischen Religionen einig. Dies zeigt denn auch, dass die Brücke zueinander gar nicht erst geschlagen werden muss, sondern längst besteht.

Bereit zum Lernen

Für Martin Würmli, Präsident der CVP-Stadtpartei, vermittelte der Abend die Einsicht, dass das Bekenntnis zu Grundwerten die Offenheit für andere Religionen nicht ausschliesst, sondern erst recht ermöglicht.

Der Anlass diente dazu, aus den Folgen der Minarettabstimmung zu lernen. Die grosse Beteiligung zeigte, dass die Bereitschaft dazu vorhanden ist.





Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

tagblatt.ch / ipad

iPad und E-Paper

facebook.com / tagblatt

 ...

Anzeige: