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Tagblatt Online, 10. Mai 2010 01:04:08

«Wo bleibt da die Moral?»

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Befragte Bankfachleute (von links): Felix Walker, früher Chef von Raiffeisen, Walter Ernst, Leiter Vadian Bank, Erich Gmünder, Journalist. (Bild: Bild: Michel Canonica)

Ist die Wirtschaft noch für die Menschen da? So sollte es nach Auffassung der Katholischen Soziallehre eigentlich sein. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Eine Diskussion bei der KAB Riethüsli drehte sich um die Moral des Marktes.

josef osterwalder

Wie misst man den Wert einer Arbeit? Warum verdienen Chefs bestimmter Banken astronomische Summen? Und was blüht der Gesellschaft, wenn die Lohnunterschiede auf die Dauer so krass auseinanderklaffen?

Die Fragen wurden am Samstagabend an der Podiumsdiskussion im Riethüsli gestellt. Eingeladen hatte die Katholische Arbeiterbewegung (KAB), eine Vereinigung, die sich seit je mit Fragen im Spannungsfeld von Wirtschaft, Politik und Arbeitswelt beschäftigt.

Da sei es unerlässlich, auch das aufzugreifen, was die aktuellen Schlagzeilen beschäftige, sagte Präsident Hanspeter Etter: vom Absturz der Finanzwirtschaft vor zwei Jahren bis zu den Lohnexzessen der jüngsten Zeit

Gegen Lohnexzesse

Das vom Journalisten Erich Gmünder geleitete Podiumsgespräch brachte zwei ausgewiesene Bankfachleute ins Riethüsli: Felix Walker, den ehemaligen Raiffeisen-Chef und CVP-Nationalrat, und Walter Ernst, den Leiter der Vadian Bank, die der Ortsbürgergemeinde gehört.

Beiden ist gemeinsam, dass ihnen die aktuellen Lohnausschläge der Branche unheimlich sind. Beide vertreten darum auch Institute, die sich für eine andere Gangart im Bankengeschäft entschlossen haben: erfolgreich geschäften ja, aber mit Verantwortungsgefühl.

Kriminelle Handlungen

Und wie würden sie das bezeichnen, was die Superbanker vor zwei Jahren angestellt haben, als sie die Finanz- und Wirtschaftswelt ins Wanken brachten? Was sich damals die Grossbanken geleistet hätten, könne man durchaus als kriminell bezeichnen, meinte Felix Walker.

Man habe auf Finanzvehikel gesetzt, die man gar nicht verstanden habe. Walter Ernst findet vor allem bedenklich, dass heute, zwei Jahre nach dem grossen Crash, gleich weitergefahren werde wie zuvor. Als ob man aus der Krise nichts gelernt habe.

Soziallehre geht nicht ins Leere

Für die KAB ging es am Diskussionsabend aber nicht einfach um die Entwicklungen in der Finanzwelt allein. Noch mehr beschäftigte, ob die Kirche zu diesen Entwicklungen etwas zu sagen habe.

Ob die Katholische Soziallehre in der Lage sei, derartige finanzwirtschaftliche Entwicklungen beurteilen zu können. Diese Frage griff Claudius Luterbacher auf, der als Sozialethiker und Kirchenrechtler im Bischöflichen Ordinariat arbeitet. Er skizzierte die von Papst Leo XIII. vor 120 Jahren erstmals formulierte Soziallehre, die sich als Antwort auf jene Probleme verstand, die das Ende des 19. Jahrhunderts prägten: Arbeiterelend, Arbeitslosigkeit, Armut.

Auf jene Not hin antwortete der Papst mit drei Prinzipien, an denen sich eine gerechte, humane Ordnung ausrichten sollte: Personalität, Solidarität, Subsidiarität. Mit dem ersten Stichwort ist gemeint, dass bei allem wirtschaftlichen Handeln und Marktgeschehen der Mensch im Mittelpunkt stehen sollte. Dieses Prinzip ruft nach einem zweiten, der Solidarität. Denn es sollen auch benachteiligte Menschen ihre Chance bekommen. Schliesslich setzt sich die Soziallehre auch vom Zentralismus ab: denn alles, was die Basis selber regeln kann, soll ihr belassen bleiben. Dies der Sinn des Subsidiaritätsprinzips.

Allianzen schmieden

Claudius Luterbacher zeigte, dass diese Prinzipien geeignet sind, eine humane Wirtschaftsordnung zu begründen. Sie sind wohl als Katholische Soziallehre formuliert, inzwischen aber Allgemeingut geworden. Das heisst, dass die KAB (selbst ein Kind der Soziallehre) ihre gesellschaftlichen Ziele zusammen mit allen gleichgesinnten Kräften anstreben kann und soll, welcher Religion sie auch angehören.

Hier beantwortet sich auch die Frage, ob der einzelne überhaupt etwas gegen die Megatrends vermag: Ganz machtlos ist auch ein einzelner nicht; doch mächtiger wird er, wenn er sich mit all jenen zusammenschliesst, die mit ihm immer wieder die Frage stellen: «Wo bleibt da die Moral?»





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