Tagblatt Online, 24. Juni 2009 01:03:48
«Schlunggi» und «Luustante»
Erika Mangold chauffiert ihre Schwester Ruth mit dem Dreirad durchs Quartier; hier an der Stelle der heutigen Post. Im Hintergrund die Endstation der damaligen Tramlinie, auf dem Hügel das Restaurant Nest. (Bild: Bild: Fotoalbum Familie Mangold)
Erika Mangold, im März verstorbene Ur-Riethüslerin, hat dem Quartier ein Geschenk hinterlassen: Kleine Geschichten aus der Jugendzeit, als die Kinder vom «Nest» nach St. Georgen zur Schule mussten – ein Schulweg mit Abenteuern.
josef osterwalder
«Treffpunkt war das damalige Tramhüsli. Man wartete aber nicht lange, wollte ja schliesslich nicht als <Buebe- oder Meitlihocker> abqualifiziert werden.» So beginnt die erste kurze Geschichte, die Erika Mangold in ihrem letzten Lebensjahr notiert hat. Die kleinen Erinnerungen führen zurück in die 1930er-Jahre, als die Buben und Mädchen aus dem Riethüsli noch das Hebelschulhaus in St. Georgen besuchten.
Der Schulweg führte durch das lange Demuttal, das mit dem nahen Wald und den dampfenden Nebeln zuweilen einen unheimlichen Eindruck machte.
Schulweg mit Polizeischutz
Und dann kursierte auch immer wieder das Gerücht, im Wald treibe sich ein Schlunggi umher, der den Kindern nachstellen wolle. Verdichteten sich die Gerüchte, wartete der Polizist beim Treffpunkt und begleitete die Riethüsler an den «gefährlichen Stellen» vorbei, dort, wo die Strasse den Waldrand berührt.
Viele solcher Erinnerungen hat Erika Mangold aufgeschrieben, die letzten mit bereits zittriger Hand. Der Journalist Erich Gmünder, Redaktionsleiter des Quartierblattes «Riethüsli», hat einem Teil von ihnen in der ersten Nummer des neugestalteten «Magazins für das Nest» einen Ehrenplatz gegeben.
Im Hebel
Angekommen im Hebelschulhaus, warteten Respektspersonen auf die Buben und Mädchen. Fräulein Saxer und Fräulein Pfister teilten sich in die Betreuung der Erstgixe. Eine Spezialität war Rechnen in der letzten Vormittagsstunde.
Dann, wenn die Kinder eigentlich das Märchenbuch erwartet hätten.
In der Mittelstufe wurde eine reine Mädchenklasse gebildet, wohl in der Hoffnung, dass es Lehrer Bieri etwas einfacher haben würde, vermutet Erika Mangold. Er sollte sich getäuscht haben. Die Mädchen wollten gegenüber den von Herrn Wüst unterrichteten Buben nicht abfallen.
Richtige «Luusmeitle» also. Dazu passte, dass regelmässig die «Luustante» im Hebel ihre Aufwartung machte.
Frau Häfeli bezog ein Zimmer im Estrich. «Mit langen Nadeln fahndete sie in den Haaren der Mädchen nach allfälligen Bewohnern. Die Buben mussten diese Prozedur nicht mitmachen, weil damals ein militärisch kurzer Haarschnitt Mode war.»
Nach den Sommerferien auf dem Bauernhof wurden die kleinen Biester dann auch bei Erika entdeckt: «Die Luustante zwang mich, sie zwischen den Fingernägeln zu zerquetschen, samt den Nissen (Eiern).»
Etwas weniger martialisch war der Einsatz von in «Sabachill-Essig» getauchten Tüchern, die als Umschlag auf die ungebetene Fauna einwirken sollten.
Der Duft St. Georgens
Lohn der Angst waren die Carameldüfte, die bei Westwind oder Föhnlagen von der Schokoladefabrik ins Hebel hinüberwehten – bis der Lehrer verlangte, die Fester zu schliessen.
Zu den andern Freuden Erikas gehörten die Enten und Gänse des Nestweiers. Sobald sie im nahen Wohnhaus die knarrende Gartentüre öffnete, begrüssten sie die Wasservögel mit lautem Geschnatter.
Und dann gab's auf dem Schulweg auch die Begegnung mit Max, eine frühe heimliche Liebe. Erst musste Erika zwar unter seinen Fäusten leiden. Sie wehrte sich mit Spottgedichten, Vierzeilern mit viel zoologischen Eindeutigkeiten. Diese aber gefielen Max so gut, dass er Erika plötzlich auch ganz toll fand. Vor den andern Kindern durfte man das natürlich nicht zeigen. Man wollte doch kein «Buebe- oder Meitlihocker sein».
Wintergeschichten
All dies spielte sich in der hellen Jahreszeit ab. Richtig unheimlich wurde es im Winter. Zuweilen auch romantisch, wenn man im Advent durch den Schnee zur frühen Roratemesse stapfte. Im Winter wurde das Riethüsli auch zur Sportarena. Dann massen sich waghalsige Springer über die Riethüslischanze. Diese Geschichten Erika Mangolds hat sich das «Magazin fürs Nest» für die Winterausgabe aufgespart.
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