Tagblatt Online, 19. November 2008 07:56:00
«Geheimbund» wird öffentlich
Im «Schlössli am Spisertor» unterhalten die 160 Mitglieder der drei St. Galler Freimaurer-Logen ihren «Tempel». (Bild: Bild: Hannes Thalmann)
Die Freimaurer sind eine Geheimgesellschaft, über die Mann und Frau von der Strasse wenig wissen. Falsche Ansichten soll jetzt ein Vortragszyklus im Waaghaussaal korrigieren. Darin geht es um Vorurteile, Verschwörungstheorien und Ideale.
petra mühlhäuser
In der Stadt St. Gallen existieren die drei Freimaurerlogen «Concordia», «Humanitas in libertate» und «Bauplan». Alle nehmen ausschliesslich Männer auf, in der Stadt insgesamt 160. Im «Schlössli am Spisertor» unterhalten sie einen «Tempel». Mit einer Vortragsreihe in Zusammenarbeit mit der Universität treten die Freimaurer derzeit an die Öffentlichkeit. Doch Moment mal: ein Geheimbund an der Öffentlichkeit?
«Kinder der Aufklärung»
Gerade zur katholischen Kirche war das Verhältnis der Freimaurer immer gespannt, und so lichtete sich gerade im letzten Referat der Nebel etwas. Freimaurer sind «Kinder der Aufklärung», wie Thomas Reschke, Diakon und katholischer Hochschul-Seelsorger, sagte. Und die katholische Kirche hat die Aufklärung und damit die Ideale der Freimaurer lange Zeit bekämpft. Die Freimaurer ihrerseits bezeichneten die Kirche als «institutionalisierte Unfreiheit», weil sie Dogmen ablehnen. Sie provozierten etwa während des Ersten Vatikanischen Konzils im 19. Jahrhundert mit einem Anti-Konzil. Die einen hegten einen anti-freimaurerischen Reflex, die anderen einen antikatholischen. Es kam zur Eskalation: Die Freimaurerei wurde zur Gegenkirche erklärt, die Mitglieder 1917 pauschal exkommuniziert.
Vorsichtige Annäherung
Das Zweite Vatikanische Konzil hat eine Wende eingeleitet, bekannte sich zu Menschenrechten und Toleranz. Nach einer gemeinsamen Erklärung von 1970 schienen die Zeichen zwischen Kirche und Freimaurern auf Annäherung zu stehen. Die pauschale Exkommunikation gibt es heute nicht mehr. Doch haben die deutschen Bischöfe seither erneut erklärt, es sei nicht vereinbar, Christ und zugleich Freimaurer zu sein. Für den heutigen Papst Benedikt XVI. ist es eine schwere Sünde, als Katholik einer Loge beizutreten. Die Gründe für solche Ablehnung: Die Rituale der Freimaurer seien den kirchlichen Sakramenten ähnlich, die Zulassung von Angehörigen verschiedenster Religionsgemeinschaften bedeute Relativismus. Dass das Verhältnis noch immer belastet ist, zeigte sich auch daran, dass Reschke schon vor dem Vortrag mit besorgten Mails eingedeckt wurde.
Tatsächlich verstehen sich die Freimaurer nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als humanistische Vereinigung, die den Glauben an eine höhere Macht zur Voraussetzung für einen Beitritt macht. Die Freimaurer seien alles andere als religionsfeindlich, sagt Reschke. Vielmehr arbeiteten sie auf der Basis von Idealen wie Menschlichkeit, Toleranz und Freiheit an sich selber und für soziale Zwecke. Freimaurerei sei eine «Schule der Menschlichkeit».
Kein Widerspruch
Reschke ging am Vortrag vor einer Woche die Frage, ob dies mit dem Christentum vereinbar sei, nüchtern an. Er erklärte die Position seiner Kirche, setzte sich aber auch für mehr Offenheit und eine Annäherung an die Freimaurer ein. Christ und Freimaurer zu sein sei sehr wohl möglich, fand er, solange nichts zwischen dem Einzelnen und Gott stehe.
Diese Meinung teilten auch die Freimaurer auf dem anschliessenden Podium: Der katholische Theologe Christian Rigling spürt die antikatholischen Reflexe mancher Freimaurer heute noch, der reformierte Pfarrer Fritz Boss machte gleich vor, wie das geht, und bezeichnete die katholische Kirche, unter dem Protest Reschkes, als «diktatorisch». Rolf Jsaac bestätigte als engagierter Jude die Vermutung des Gesprächsleiters Josef Osterwalder, dass das Ziel ethischer Bewährung im Alltag dem Judentum und der Freimaurerei gemeinsam sei.
Doch warum wird man heute Freimaurer? Im Gespräch nach dem Anlass zeigte sich, dass Freimaurer die humanistischen Ideale und die Gemeinschaft schätzen. Manche schwärmen über die sie tief beeindruckenden Rituale. Von diesen sind Nichteingeweihte nach wie vor ausgeschlossen, sie sind aber in Büchern und im Internet nachzulesen.
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