Tagblatt Online, 07. Mai 2009 01:03:47
Neuntöter gegen Dobermann
Die Wittenbacherinnen Eva und Marlies Zwicker (von links) müssen mit ihrer Hundeschule umziehen. Kein einfaches Unterfangen. (Bild: Bild: Michel Canonica)
Was hat ein 25 Gramm leichter Singvogel mit einem 40 Kilogramm schweren Dobermann zu tun? Eigentlich gar nichts. Es sei denn, die beiden sollen Nachbarn werden. Dann wird das Ganze zu einem modernen David gegen Goliath.
Corinne Allenspach
Wittenbach. Des Menschen bester Freund, das ist nicht in jedem Fall der Hund. Dies wussten die Wittenbacherin Marlis Zwicker und ihre Tochter Eva bereits bevor sie ihre Hundeschule Alltagshund eröffneten. Dort lernen Hundehalter seit bald zwei Jahren unter anderem, wie man Hundekot richtig entsorgt, unerwünschtes Jagdverhalten unterbindet oder Hunde richtig an der Leine führt.
Der viele Betrieb, jeden Abend Leute mit ihren Hunden, das wurde nun einigen Nachbarn der derzeit in Freidorf einquartieren Hundeschule zu viel. «Seit bald zwei Monaten sollten wir eigentlich weg sein», sagen Zwickers. Doch mit einer Hundeschule umzuziehen ist nicht einfach. «Wir sind nur an wenigen Orten willkommen.» Verstehen können die Zwickers dies zwar nicht: «Eigentlich sollten auch Nichthundehalter ein Interesse daran haben, dass Hunde gut erzogen sind.»
Neuer Platz für Hundeschule
Einen passenden Ort für ihre Hundeschule glaubten sie kürzlich gefunden zu haben. Bei der alten ARA, nahe des Campingplatzes bei der Leebrücke zwischen Wittenbach und Bernhardzell. Ein Platz mit wenig Nachbarn, gefunden dank der Unterstützung der Gemeinde, die bei der Suche behilflich war. «Der Mietvertrag war schon vorbereitet», sagt Marlis Zwicker. Aus dem Umzug wurde aber nichts.
Denn just auf diesem Fleckchen Wittenbach wohnt einer, für den es noch schwieriger ist, umzuziehen: ein Neuntöter.
Unterstützung für Neuntöter
Der wenige Gramm leichte Singvogel hat sich dort in einer Hecke einquartiert – lange bevor es die Hundeschule gab und das neue Tierschutzgesetz vom 1. September 2008 Kurse für Hundehalter als obligatorisch erklärt hat.
Seit rund 20 Jahren wohnt der Neuntöter in Wittenbach und ist damit ein Unikat seiner Art in der Region (siehe Kasten). «Wir sind sehr stolz auf den Vogel», sagt der Naturschützer und jahrelange Hundehalter Wendelin Aeple, auf dessen Grundstück ein Grossteil der Hecke wächst. Aeple, der sich seit über 40 Jahren mit Vögeln beschäftigt, ist überzeugt, dass der Neuntöter «den Lärm und den Umtrieb der Hundeschule nicht vertragen hätte». Und ein Wegzug des seltenen Vogels wäre für ihn «das Schlimmste, was er sich vorstellen könnte».
Deshalb hat Aeple gegen das Gesuch der Hundeschule Einsprache erhoben. Dass der Neuntöter ausgerechnet in Wittenbach lebe, sei schliesslich kein Zufall. «Wir bewirtschaften den Boden rund um die Hecke seit Jahren so, dass der Vogel genug Nahrung findet», sagt er, der auch beruflich Garten- und Heckenpflege betreibt.
Happy End für Hund und Vogel
Insgesamt sind bei der Gemeinde sieben Einsprachen eingegangen gegen das Gesuch der Hundeschule. Dieses wurde nun zurückgezogen, auf die Einsprachen wird nicht eingetreten. «Wir wollen ja auch nicht, dass der Neuntöter umziehen muss», sagt Marlis Zwicker. Zudem habe man nun ein anderes Plätzchen für die Hundeschule gefunden. «Das freut mich sehr für den Neuntöter», sagt Wendelin Aeple. Er rechnet damit, dass der Vogel noch diese Woche aus seinem Winterquartier im südlichen Afrika zurückkehrt. Und er ihn wie seit 20 Jahren begrüssen kann: «Schön, dass du wieder hier bist.»
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