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Tagblatt Online, 02. September 2010 01:01:09

Neue Tiere erobern den Bodensee

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Tauchern bietet sich im Bodensee ein faszinierendes Bild, wenn sich Millionen von Schwebegarnelen zu einem Schwarm formieren. (Bild: Bilder: Tino Dietsche)

BODENSEE. Millionen von kleinen Garnelen, Schwärme von Süsswasserquallen, unzählige Höckerflohkrebse: Im Bodensee tummeln sich immer mehr gebietsfremde Tierarten, auch Neozoen genannt. Einige sind harmlos, andere entpuppen sich als aggressiv.

rudolf hirtl

Gemäss der Gewässerschutzfachstellen der Kantone und Länder am Bodensee leben im See und dessen Einzugsgebiet 700 bis 800 Neozoen, also gebietsfremde Tierarten. Fast 300 Arten konnten sich in ihrer neuen Heimat behaupten und gelten als etabliert. Tiere mit «Migrationshintergrund» können sich einerseits als harmlose Neubürger entpuppen oder als aggressive Invasoren.

So hat laut Michael Kugler vom kantonalen Amt für Natur, Jagd und Fischerei beispielsweise die Wandermuschel durch ihr massenhaftes Auftreten bewirkt, dass sehr viel mehr Tauchenten am Bodensee überwintern und sich von diesen Muscheln ernähren. «Negative ökologische Folgen scheinen sich dabei in Grenzen zu halten», sagt Kugler.

Im Gegensatz dazu stünden Kamber- oder Signalkrebse, mit deren Einführung ja bekanntlich die Krebspest eingeschleppt worden sei, wodurch die früher einheimischen Edel- und Steinkrebse im See komplett ausgerottet wurden.

Entwicklung kaum absehbar

Derart konkret sichtbare Entwicklungen sind die Ausnahme; viele der eingeschleppten Arten können sich im fremden Lebensraum nicht halten und verschwinden unbemerkt oder gliedern sich unauffällig ein.

Laut Kugler ist oft nicht bekannt, ob und wie sich eine neue Art am neuen Standort durchsetzt und was für Folgen dies für die einheimische Fauna hat. So scheine beispielsweise die Körbchenmuschel bisher ohne sichtbare Folgen zu sein.

Wenn man aber beachte, dass Muscheln Filterer seien, daher kleinste Nährstoffteile aus dem Wasser filtern, und zum Teil in hohen Dichten von bis zu x-hundert Tieren pro Quadratmeter auftreten würden, sei es durchaus denkbar, dass Körbchenmuscheln in Konkurrenz zu Fischen treten.

Und da die Nährstoffverfügbarkeit im See in den letzten Jahren massiv zurückgegangen sei, könne eine zusätzliche Konkurrenz etwa für die Fischerei von Bedeutung sein. «Wir wissen nicht, ob die limitierten Nährstoffe im See nun vermehrt in für uns nicht nutzbare Muschelbiomasse oder aber in Fische umgesetzt wird.»

Meistens handelt es sich bei gebietsfremden Arten um kleine unscheinbare Tiere. Zum Beispiel der 2002 erstmals im Bodensee entdeckte Höckerflohkrebs, auch «killer shrimp» genannt.

Er verzehrt mit Vorliebe heimische Kleinlebewesen und macht auch vor Fischeiern und -larven nicht halt. Der als Raubtier eingestufte knapp drei Zentimeter lange Winzling macht trotz seines aggressiven Verhaltens optisch nicht viel her.

Mehrere Millionen Garnelen

Ein völlig anderes Bild bietet die fast durchsichtige, sechs bis elf Millimeter kleine Schwebegarnele, deren Ausbreitung 2006 begann.

Die von Gewässern rund um das Schwarze Meer stammende Garnele tritt heute im Bodensee in Schwärmen von mehreren Millionen Tieren auf. Im Herbst 2009 wurde eine weitere Schwebegarnelen-Art (Katamysis warpachowskyi) nachgewiesen. Laut Experten ist es ungewiss, ob die erst vereinzelt vorkommende Garnele mit der bereits etablierten Schwebegarnele koexistieren oder konkurrieren wird.

Und 1999 wurde erstmals die wärmeliebende Süsswasserqualle (Craspedacusta sowerbyi) gesichtet, die 2003 während mehreren Wochen in grossen Schwärmen im östlichen Bodensee schwamm.





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