Tagblatt Online, 05. Mai 2012 08:19:00
Miss Sommersprossen übergibt
Miss Ostschweiz Patricia Rimle erhält von Gemeindepräsident Bernhard Keller die temporäre Ortseingangstafel, die Bauamtsmitarbeiter Daniel Schilling gestern abgeschraubt hat. (Bild: Ralph Ribi)
Einfach nur lächeln und winken wollte sie nie. Heute gibt Patricia Rimle, 21, ihr Krönchen weiter. Am liebsten wäre die Muolerin noch lange Miss Ostschweiz geblieben. Was auch Gemeindepräsident Bernhard Keller recht wäre.
Frau Rimle, Sie geben heute Ihr Krönchen ab. Ihre Kollegin, Alina Buchschacher, kann den Titel ein weiteres Jahr behalten, weil die Miss-Schweiz-Wahl 2012 abgesagt wurde. Beneiden Sie sie?
Patricia Rimle: Ja, das tue ich. Es war ein megaschönes Jahr. Am Anfang war es etwas viel für mich, emotional und weil ich nicht wusste, wie ich mit der neuen Aufgabe umgehen soll. Aber je länger ich im Amt war, desto mehr lernte ich die Vorzüge zu schätzen mit all den spannenden Begegnungen.
Herr Keller, braucht es heutzutage überhaupt noch Miss-Wahlen?
Bernhard Keller: Das Missen-Image ist ja so eine Sache. Viele Leute lästern zwar, aber es interessiert halt die grosse Masse schon. Schauen Sie nur, wenn eine Miss irgendwo in einem Shoppingcenter Autogramme verteilt.
Mittlerweile gibt es aber so viele Miss-Wahlen, dass man den Überblick verliert.
Keller: Das stimmt, weniger wäre mehr. Die Ostschweiz ist eine grosse Region, daher finde ich eine Miss-Wahl absolut okay. Übertrieben wäre aber, eine Miss St. Gallen Nord zu wählen.
Was hat der Titel Muolen gebracht?
Keller: Aus Sicht der Gemeinde war es eine Topgeschichte. Patricia war von Anfang an nicht die klassische Miss, kein «Püppi».
Rimle: Das wollte ich auch nie, nur lächeln und winken. Ich wollte immer beweisen, dass es auch anders geht. Mit meinen Sommersprossen etwa und ohne ein gewöhnliches 90-60-90-Model zu sein. Und ich wollte eine Botschafterin für Muolen sein.
Keller: Das ist dir hundertprozentig gelungen, ohne einen einzigen Skandal. Ich hätte nichts dagegen, wenn wieder mal eine Miss aus Muolen gewählt würde.
Was zeichnet denn eine Miss aus?
Rimle: Eine Miss sollte offen auf Leute zugehen und über ihren eigenen Schatten springen können, zum Beispiel bei Moderationen. Da ich lieber eine Sache richtig mache als vieles halbherzig, habe ich mein Studium an der PHSG für ein Jahr unterbrochen.
Keller: Für mich hat eine Miss eine gewisse Vorbildfunktion, man schaut, was sie macht. Würde Patricia etwa mit ihrem roten Flitzer zu schnell durchs Dorf fahren, wäre das Gesprächsthema.
Apropos fahren. Gestern wurden die Ortseingangstafeln «Hier wohnt die Miss Ostschweiz 2011» entfernt. Was geschieht mit ihnen?
Rimle: Eine darf ich als Andenken behalten, das freut mich sehr.
Keller: Und wir können wieder ruhig schlafen. Vor einem Jahr fragte mich die Polizei, was wir als nächstes aufhängen. Ich musste hoch und heilig versprechen, dass die Tafeln nach Ablauf des Missen-Jahrs wieder verschwinden. Seither haben wir gebibbert, dass sie schon vorher weg müssen.
Rimle: Ui, das habe ich nicht gewusst. Die Tafeln wurden auf jeden Fall von vielen Leuten beachtet. Ich wurde häufig angesprochen. Vermutlich hänge ich das Schild einige Zeit vors Haus.
Sie wohnen ja nicht irgendwo, sondern in der Post Muolen, die Ihre Eltern betreiben. Und die Ende 2012 schliessen muss.
Rimle: Die Post muss nicht das Gefühl haben, sie könne einfach Poststellen schliessen. Unsere Post ist verankert im Dorf, das weckt Emotionen.
Keller: Zumal Rimles einen Service bieten, der einmalig ist. Aber das interessiert die in Bern nicht.
Rimle: Es ist ja auch eine schöne Post, sie wurde extra gebaut. Ich habe mir überlegt, ob ich mich als Miss für den Erhalt einsetzen soll, aber mein Vater hat gehofft, dass dies nicht nötig sein würde.
Keller: Die Gemeinde hat noch einen Pfeil im Köcher. Wir werden uns ein letztes Mal aufbäumen. Wenn wir die Post nur noch zwei, drei Jahre länger erhalten könnten, wäre dies ein Teilerfolg.
Was war das Highlight Ihres Missen-Jahrs?
Rimle: Das sage ich jetzt nicht, weil du da bist, Bernhard. Aber der herzliche Empfang in Muolen mit rund 300 Leuten war das schönste Erlebnis. So etwas ist nur möglich, wenn ein Dorf funktioniert. Sehr cool war auch das Auto. Ich habe mich ein Jahr darauf vorbereitet, es wieder abzugeben. Zug fahren hat auch Vorteile. Da kann ich in der Zeitung wieder lesen, was die neue Miss Ostschweiz so macht.
Gewählt wird die neue Miss Ostschweiz heute im Pentorama in Amriswil. Sind Sie beide mit dabei?
Keller: Ich habe eine Einladung als VIP-Gast erhalten und mir den Termin dick in der Agenda eingetragen. Eine einmalige Chance.
Rimle: Und ich werde natürlich das Krönchen übergeben. Zudem Sponsoren pflegen und für gute Partystimmung sorgen. Und morgen werde ich wieder einmal richtig ausschlafen.
Interview: Corinne Allenspach
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