Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
17. Dezember 2015, 08:47 Uhr

Freundlich, fröhlich, einfach Rico

«Ade, merci.» Rico Wattinger, Postautochauffeur auf der Linie Engelburg–St.Gallen-Heiden, begrüsst und verabschiedet seine Gäste mit ansteckender Begeisterung. Die Frohnatur hat stets einen guten Spruch oder einen Sugus auf Lager.

SEBASTIAN SCHNEIDER

«Rico, du hast doch nie Frühschicht», sagt ein Fahrgast, der in Engelburg ins Postauto steigt. Am Bahnhof St.Gallen erkennt eine junge Frau den Postautochauffeur Rico Wattinger: «Ou, hast du wieder einmal die Frühschicht erwischt?» Auf der Postautofahrt an diesem Dienstagmorgen ist nicht selten ein begeistertes «Hoi Rico» zu hören. Seien es jüngere oder ältere Fahrgäste, Rico ist für viele zu einer «fahrenden Legende» geworden. Ob morgens oder abends, Rico Wattinger ist stets gut aufgelegt. Jeder Fahrgast, der auf der Linie Engelburg–St.Gallen–Heiden ins Postauto steigt, wird fröhlich begrüsst und freundlich mit «Ade, merci» verabschiedet.

Als Frohnatur geboren

Der 44jährige Postautochauffeur muss sich nicht bemühen, freundlich und fröhlich zu sein, er ist es. «Das wurde mir in die Wiege gelegt», sagt er. Um diese Eigenschaft sei er froh, denn so könne er jeden Tag positiv angehen. Selbst die Tage, die frühmorgens um 4 Uhr beginnen. «Ich habe schon lieber Spätschicht», sagt er in seiner Pause nach zwei Tassen Kaffee. Und der Winter ist nicht seine liebste Jahreszeit: «Im Winter geht es mir gut, im Frühling, Sommer und Herbst geht es mir sehr gut.»

Der Winter ist auch wegen der Strassenverhältnisse für den Vater eines jugendlichen Sohnes nicht Favorit. Was im Sommer «voll easy» ist, kann im Winter ganz schön «strub» sein. Mühsam seien auch Baustellen und Staus. Doch zu solchen Schwierigkeiten – auch zum vorübergehenden Verkehrsregime am Hauptbahnhof – sagt er motiviert: «Da müssen wir durch.»

Es scheint, dass dem Romanshorner das Lachen nicht vergehen kann. Klar habe auch er seine Sorgen. Doch die seien im Vergleich zu anderen marginal.

In Rehetobel wartet ein Mann mittleren Alters aufs Posti. Seine Lippen kräuseln sich zu einem Lächeln, als er den Chauffeur erkennt. Sofort nimmt er den Platz neben dem Fahrer ein und beginnt von Weihnachtsmärkten, Glühwein und seinem Feuerzeug, das er bei «Wellauer» wieder auffüllen will, zu erzählen. Egal, wer das Gespräch mit Rico Wattinger sucht, der Chauffeur hört zu, antwortet, scherzt und witzelt. Und da er diese Postautolinie seit neun Jahren fährt, bekommt er auch die Entwicklung junger Fahrgäste mit. Ganz zu seinem Vorteil.

«Boxenstops» am Wochenende

Problematische Fahrten gibt es für die Frohnatur eigentlich keine. Doch nach Mitternacht am Freitag oder Samstag, wenn die Jugendlichen nach dem Ausgehen nach Hause fahren, kann es dem einen oder anderen alkoholisierten Fahrgast zum Erbrechen übel werden. Es komme doch hin und wieder vor, dass er einen zusätzlichen Halt einlegen muss. Solche «Boxenstops» dienten beiden Seiten: «Ich muss nicht putzen, und der Jugendliche muss keine Busse zahlen», sagt der Fussballjunioren-Schiedsrichter. Da viele junge Erwachsene Wattinger kennen, nähmen sie mehr Rücksicht und hinterliessen auch keine Abfälle auf den Sitzen.

Sandwiches und Sugus

Wattinger ist Bauernsohn und wollte einst den Hof seiner Eltern in Romanshorn übernehmen. Nach der Ausbildung zum Landwirt wollte er aber doch etwas anderes machen. Zur Post kam er, als er in der damaligen Transitpost in Romanshorn aushelfen durfte. Er absolvierte die Postlehre und arbeitete unter anderem als Briefträger oder Bahnpostfahrer. Mit der Lastwagen- und Carprüfung bildete er sich zum Chauffeur aus. Sein 25-Jahre-Jubiläum bei der Post feierte er bereits vor zwei Jahren.

Das Lächeln der Leute sei das Schönste an seinem Beruf. Und weil er den Kontakt zu den Fahrgästen so schätzt, kam er auf die Idee, ihnen etwas auf den Weg mitzugeben. Seit einigen Jahren legt er in seiner Fahrerkabine nicht nur seinen Proviant bereit, sondern auch einen 2,5 Kilogramm schweren Sack voller Sugus.

Fast eine Familie

Nicht alle Fahrgäste erwidern Wattingers Freundlichkeit. Manche bleiben stumm oder lehnen den Sugus ab. Das bringt Wattinger aber nicht aus dem Konzept. Schliesslich sieht er die Fahrgemeinschaft als eine grosse Familie. Er freue sich einfach über diejenigen, die sich von seiner Fröhlichkeit anstecken liessen. Ein Lächeln, ein freundliches Grüezi oder ein nettes Gespräch geben Rico Wattinger auch die Bestätigung, dass er seinen Job gut macht.



Kommentar schreiben

Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung.

(maximal 950 Zeichen)

* Pflichtfeld

Sie dürfen noch Zeichen als Text schreiben.

Die Redaktion sichtet die Leserkommentare und schaltet sie frei. Wir behalten uns vor, Beiträge nicht zu publizieren (s. AGB). Am meisten Chancen haben Kommentare, die direkt auf einen Artikel eingehen. Beiträge mit ehrverletzenden, rassistischen oder unsachlichen Äusserungen publizieren wir nicht. Der Korrespondenzweg ist ausgeschlossen.

  • Für registrierte Nutzer

  • Für nicht registrierte Nutzer

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzuschicken.





Jonischmi (17. Dezember 2015, 09:13)
Ein schöner Artikel

Danke dafür!

Beitrag kommentieren

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

ostjob.ch  STELLENSUCHE

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

FACEBOOK.COM /TAGBLATT