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Tagblatt Online
5. Februar 2016, 11:27 Uhr

Einsam als Mann in der Kita

MÖRSCHWIL. Simon Pagitz absolviert seine Ausbildung in einer Kita und betreut Kinder im Alter ab drei Monaten. Obwohl ihm die Arbeit gefällt, bedauert er, dass sich kaum Männer für diese Lehre begeistern lassen.

SEBASTIAN SCHNEIDER

Ein Regal voller Spiele, viele bunte Klötze, Spielzeugautos und Puzzles: Die Kita im Chärn in Mörschwil ist ein wahres Spielparadies für Kinder ab drei Monaten. Die meisten, die an diesem Donnerstagmorgen im Spielraum der Kita sind, können bereits laufen und sprechen. Ein Mädchen setzt sich auf den Schoss von Simon Pagitz und lässt sich von ihm eine Geschichte vorlesen. Der 18jährige St. Galler ist im zweiten Lehrjahr als Fachmann Betreuung in der Fachrichtung Kinder. In der Kita ist er der einzige Mann. Ebenso in seiner Berufsschulklasse in Rheineck. Im ganzen Jahrgang gibt es in fünf Klassen gerade mal zwei Männer.

Werbung im Mitteilungsblatt

Natürlich sei es schön, unter so vielen Frauen zu sein, sagt Simon Pagitz. Doch es gebe schon Situationen, in denen er sich männliche Schulkameraden oder Arbeitskollegen wünsche. Dass er als männlicher Betreuer eine derartige Seltenheit ist, hat ihn dazu bewogen, einen ganzseitigen Beitrag im Mörschwiler Mitteilungsblatt zu verfassen. Darin beschreibt er, was er bei seiner Arbeit alles erlebt und was er alles von den Kindern für sein Engagement zurückbekommt. «Du bist Spielkamerad, Ansprechpartner, Ratgeber und in gewissen Situationen auch Beschützer der Kinder», schreibt er. Jungen Männern empfiehlt er im Schreiben, ebenfalls diese Ausbildung anzutreten.

Praktikum vor der Lehre

«Ursprünglich wollte ich Lehrer werden», sagt Pagitz, der vor der Lehre das zehnte Schuljahr in Herisau absolvierte. Schnuppertage und ein einjähriges Praktikum in einer Kita hätten ihn dann aber für diese Ausbildung überzeugt. Nach der Lehre will sich Pagitz im pädagogischen Bereich weiterentwickeln. Ein kleiner Bub unterbricht das Gespräch. Er reicht dem Betreuer ein Klötzli. «Wenn Kinder Erwachsenen etwas <schenken>, nehmen sie mit uns Kontakt auf», weiss der Lehrling. Spielen sei für Kinder nicht nur Spass, sondern unter anderem auch lernen, wie man kommuniziert.

Männer unter Verdacht

Simon Pagitz lässt sich sichtlich gerne auf die Kinder ein. Diese wiederum scheinen sich bei ihm wohl zu fühlen. Weshalb nur gibt es nicht mehr männliche Kita-Betreuer? «Ursprünglich war das eher ein Beruf, der von Frauen ausgeübt wurde», sagt Pagitz. Der Männeranteil werde aber noch steigen, da sich die Rollenbilder von Mann und Frau ja immer mehr vermischten, ist sich Pagitz sicher. Doch er sieht für den Männermangel noch einen zweiten Grund: «Männer befürchten, ihnen werde eher etwas vorgeworfen als Frauen.» Viele würden sich wohl aus diesem Grund nicht getrauen, in einer Kita die Ausbildung zu absolvieren. Doch er selber habe bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht. Entscheidend sei, dass die Eltern dem Betreuer vertrauen. Und ihm sei es bis anhin gelungen, die wichtige Vertrauensbasis zu legen. Zudem habe er noch nie das Gefühl gehabt, dass Eltern sich ihm gegenüber anders verhalten als gegenüber seinen Arbeitskolleginnen.

Professionell arbeiten

Vielleicht, sagt Simon Pagitz, sei es gar nicht so schlecht, dass ein gewisser Druck auf die Kinderbetreuer bestehe: «Das bringt uns dazu, noch professioneller zu arbeiten», sagt er motiviert. Und dafür diene ja auch die Berufsschule, in der man etwa lerne, wie man für Kinder ein Freund sein kann und trotzdem die nötige Distanz wahrt. Zudem werde beigebracht, wie mit schwierigen Situationen umzugehen sei: «Wenn ich ein Kind wickle, lasse ich die Türe offen.» Oder wenn ein Kind gebadet werden muss – was nur selten vorkomme – achte man darauf, dass man zu zweit ist. Das lasse sich problemlos arrangieren. Denn für zwölf Kinder müssen mindestens eine ausgelernte und eine nicht ausgelernte Betreuungsperson anwesend sein.



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