Tagblatt Online, 04. September 2008 01:05:30
Wo die Zeit stehenbleibt
Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen zeigt eine Ausstellung über das Schweizer Bergleben um 1950
Blick in die Vergangenheit: Kuratorin Isabella Studer und Museumsdirektor Daniel Studer vor Ammons Fotografie aus den 1950er-Jahren. (Bild: Bild: Ennio Leanza)
St. Gallen. Peter Ammon fotografierte während der 1950er-Jahre Bauernfamilien in Bergtälern der Schweiz. Seine Werke werden nun erstmals öffentlich präsentiert.
Mirjam Bächtold
Als der Industriefotograf Peter Ammon in den 1950er-Jahren durch die Schweizer Bergtäler reiste, um das Leben der Bauernfamilien fotografisch festzuhalten, rechnete er nicht damit, dass seine Bilder knapp 60 Jahre später ausgestellt würden. Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen zeigt Ammons Werke nun erstmals in der Sonderausstellung «Schweizer Bergleben um 1950», die vom 6. September bis zum 7. Juni 2009 besucht werden kann. Die Vernissage findet aber bereits morgen Freitag um 18.30 Uhr statt.
Beinahe vergessene Welt
Peter Ammon, 1924 geboren, arbeitete als Fotograf vor allem für Architekten, Industrie und Denkmalpflege. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er es sich selbst zum Ziel, das Leben der Schweizer Bergbauern zu fotografieren. «Ammon wollte etwas festhalten, von dem er annehmen musste, dass es bald nicht mehr vorhanden sein würde», sagt Isabella Studer, Kuratorin für Sonderausstellungen, an einer Medienkonferenz. Ammon wollte nicht nostalgische Fotografien machen, sondern das normale Leben der damaligen Zeit aufzeigen. «Damals fanden seine Bilder keine Anerkennung», sagt Studer. In der Zeit nach Krieg und Entbehrungen sehnten sich die Menschen nach Fortschritt und Moderne. Heute sind Ammons Werke jedoch Zeitzeugen einer beinahe vergessenen Welt.
Eine Geschichte erzählen
«Die Ausstellung soll nicht wie in einer Galerie Bild an Bild reihen», sagt Studer. Vielmehr sei sie eine Erzählung über das Leben zur damaligen Zeit und über den Fotografen.
Als Einstieg wählte die Kuratorin ein Bild, auf dem im Vordergrund ein Sennenbub eine Schweizer Fahne schwingt, im Hintergrund schaut ihm ein Knabe aus der Stadt etwas fragend zu. «Auf diesem Bild prallen zwei Welten aufeinander», erklärt Studer. Es sei eines von Ammons letzten Werken, das zeige, wie die Städter in die Berge kommen, um sich zu erholen. «Der Besucher fühlt sich vielleicht ähnlich wie der Junge aus der Stadt.» Das Bild soll eine Brücke schlagen zu dieser vergessenen Zeit, in die man während der Ausstellung eintaucht. Die Bilder – erstmals im Grossformat – zeigen einerseits die idyllische Bergwelt, andererseits aber auch die harte Realität und den Alltag der Bergbauern.
Technischer Pionier
Das Fotografieren war zur damaligen Zeit eine Herausforderung. In den Tälern gab es in den 1950er-Jahren noch keine Elektrizität. Ammon schloss seine Blitzlampe deshalb an die Batterie seines VW-Käfers, um genügend Licht zum Fotografieren zu erhalten. Keines seiner Bilder ist gestellt. Ammon hat immer eine Zeitlang mit den Menschen, die er fotografierte, gelebt und so ihr Vertrauen gewonnen. Dadurch sind schöne und eindrückliche Bilder entstanden.
Der Künstler wird morgen an der Vernissage um 18.30 Uhr selbst anwesend sein.
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