Tagblatt Online, 26. November 2009 07:19:00
Wenn der Gutschein ein Vermögen ist
Vorgezogene Weihnachten: Diese Flüchtlingsfamilie kann dank der Gutscheine für einmal richtig zulangen. (Bild: Bild: Reto Martin)
ST.GALLEN. Knapp 700 der städtischen 50-Franken-Einkaufsgutscheine sind bisher an Hilfsorganisationen gespendet worden. Unter anderem an das Solidaritätsnetz Ostschweiz. Dieses geht nun mit abgewiesenen Asylbewerbern auf Einkaufstour.
«Wow!» Isabelle lässt ihre Augen die prallgefüllten Regale im Gallusmarkt entlanggleiten. «Noch nie war ich in einem so grossen Supermarkt. Und seit Jahren habe ich nicht mehr so viel auf einen Schlag eingekauft», sagt sie und greift nach einer Doppelpackung Spaghetti.
Für gewöhnlich stehen der Westafrikanerin 18 Franken Notgeld pro Tag zur Verfügung. Wohlgemerkt, nicht für sich allein: Auch ihre drei Töchter muss sie davon ernähren.
Heute jedoch hält sie ein kleines Vermögen in der Hand: 200 Franken, in Form von vier 50-Franken-Einkaufsgutscheinen der Stadt St. Gallen.
Finanzspritze für Flüchtlinge
Zu verdanken hat Isabelle die Finanzspritze der Aktion «Gut(e) Scheine für gute Zwecke», welche zum Spenden der städtischen Einkaufsgutscheine aufrief.
Von den insgesamt rund 72 000 Gutscheinen gab die Bevölkerung bisher knapp 700 Stück, umgerechnet 34 000 Franken, an die fünf beteiligten Hilfsorganisationen ab. Unter anderem auch an das Solidaritätsnetz Ostschweiz. Dieses unterstützt Flüchtlinge, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, die aber trotzdem nicht in ihr Heimatland zurückkehren können. Jeder dieser Personen händigt das Solidaritätsnetz nun einen Gutschein aus.
«Mami, darf ich?»
Damit die Gutscheine sinnvoll ausgegeben werden, begleiten Betreuer die Flüchtlinge. «Meistens wissen die Betroffenen aber sowieso besser als wir, wie man mit dem Geld am sparsamsten umgeht», sagt der Begleiter der angolanischen Familie. Entsprechend kauft Isabelle hauptsächlich Grundnahrungsmittel ein, dazu etwas Fleisch. Jeder ihrer Töchter hat sie zudem eine Wintermütze – selbstredend Sonderangebote – ausgesucht.
Der Weg zur Kasse führt am Regal mit den Süssigkeiten vorbei. «Mami, darf ich?» Ein kurzes Zögern, dann landen drei Packungen Schokolade im Einkaufswagen. «So viel Luxus muss sein», sagt Isabelle. «Wenigstens dieses eine Mal.» (sym)
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