Zur Mobile-Ansicht wechseln
Tagblatt Online
7. März 2016, 07:23 Uhr

Treffpunkt für Büezer und Banker

Das Spanische Klubhaus hinter dem Hauptbahnhof ist weit über die Stadtgrenzen hinaus ein beliebter Treffpunkt. Die soziale und kulturelle Durchmischung ist gross. Die Zukunft des Hogar Español ist jedoch nur noch ein Jahr lang gesichert. Eigentlich sollte es gar nicht mehr stehen.

DAVID GADZE

Die Luft ist stickig und heiss. Es riecht nach Fisch, Fleisch und Frittieröl. Und es ist laut. Gespräche, Gelächter, Musik. Vereint zu einem konstanten Brummen, irgendwo zwischen Lärm und Lebensfreude. Ist der Saal voll, versteht man kaum sein eigenes Wort. Es ist ein typischer Samstagabend im Hogar Español, dem Spanischen Klubhaus hinter dem Hauptbahnhof. Die meisten Tische sind besetzt, wer nicht reserviert, findet oft keinen Platz.

Eine Gruppe von Mittzwanzigern sitzt an einem der beiden langen Tische in der Mitte des grossen Restaurantsaals. Ein paarmal im Jahr kommen sie hierhin. Sie schätzen die zentrale Lage, das gute und günstige Essen, die ungezwungene Atmosphäre. «In St. Gallen gibt es nichts Vergleichbares», sind sich die jungen Männer einig. Hier könne man den Abend lancieren – oder ihn gleich ganz im Klubhaus verbringen.

Ein Arbeiterpalast

Seit 1888 steht das Klubhaus an der Ecke Klubhausstrasse/Lagerstrasse. Es ist der letzte noch erhaltene Gesellschaftssaal aus jener Zeit in der Stadt St. Gallen. Architekt und Bauherr war Wilhelm Dürler, der auch die angrenzenden Wohnhäuser an der Rosenbergstrasse erstellte. Ursprünglich handelte es sich um ein hufeisenförmiges Wohn- und Geschäftshaus mit Restaurant, das vielen Clubs und Vereinen als Treffpunkt diente. In den beiden Flügeln waren vier Kegelbahnen – eine ist bis heute erhalten, aber nicht mehr in Betrieb –, dazwischen lag ein Hof. Dieser wurde 1889 gedeckt und in einen Wintergarten umgebaut. 1899 wurden die Flügel im Bereich des Hauptgebäudes aufgestockt.

In der Anfangszeit war das Klubhaus ein «Arbeiterpalast», wie Niklaus Ledergerber, Leiter der städtischen Denkmalpflege, sagt. Nach der Jahrhundertwende war es vor allem ein Treffpunkt für Pöstler und Bähnler. Die soziale und kulturelle Durchmischung ist bis heute gross. Hier treffen sich Studenten und Akademiker, Banker und Büezer. So schrieb die Denkmalpflege in ihrer Würdigung, das Klubhaus sei «als Ort gelebter Integration von besonderem gesellschaftlichem Wert für St. Gallen». Aufgrund der sozialhistorischen Bedeutung sowie der originellen architektonischen Gestalt sei der Bau schützenswert und sollte möglichst bald instand gestellt werden. Das war im Jahr 2005. Bis auf kleinere Reparaturen ist seither jedoch nichts geschehen. Im Gegenteil. Der Zahn der Zeit hat munter weiter am Klubhaus genagt und deutlich sichtbare Spuren hinterlassen. Die Fassade bröckelt, die elektrischen Installationen sind veraltet, vieles ist improvisiert. Solange die Zukunft des Gebäudes nicht geklärt ist, wird sich daran auch nichts ändern.

Dem Abbruch vorerst entronnen

Wäre alles nach Plan verlaufen, würde just in diesen Monaten anstelle des Klubhauses und des Nachbargebäudes ein Büroneubau fertiggestellt. Denn 2010 entliess der Stadtrat das Klubhaus entgegen der Empfehlung der Denkmalpflege aus dem Inventar schützenswerter Bauten, um die Arealentwicklung an der Lagerstrasse voranzutreiben. Vor zwei Jahren schien das Ende des Hogar besiegelt: Drei Familienausgleichskassen, welche das Gebäude im September 2013 von der Genossenschaft Spanisches Klubhaus gekauft hatten – die Stadt verzichtete auf ihr Vorkaufsrecht –, wollten es Ende 2014 abbrechen. In die dadurch entstandene öffentliche Diskussion schaltete sich der Heimatschutz ein, politische Vorstösse wurden lanciert, so dass der Abbruch vorerst auf Mitte 2015 verschoben wurde. Schliesslich verwarfen die Familienausgleichskassen das Projekt und verkauften das Klubhaus vor einem Jahr an die Stadt.

Zukunft ist ungewiss

«Wir sind froh, dass wir immer noch hier sind», sagt José Vila, Präsident des Vereins Hogar Español. Das Klubhaus ist für die Spanier weit mehr als ein Treffpunkt. Es ist ihr «hogar», ihr Heim. «Was wir hier haben, lässt sich nicht an einen anderen Ort in der Stadt verpflanzen.» 250 Mitglieder aus der ganzen Ostschweiz zählt der Spanierverein – mehr werden nicht aufgenommen, da das Klubhaus nur so vielen Platz bietet.

Jedes Jahr bekommt eine neue Gesellschaft, die aus mindestens zehn Vereinsmitgliedern besteht, per Losentscheid den Zuschlag für den Betrieb des Restaurants. Dafür entrichtet sie dem Verein eine Miete. Es werde jedoch immer schwieriger, genügend Personal zu finden, sagt Vila. «Die Leute verzichten während zehn Monaten im Jahr auf einen grossen Teil ihrer Freizeit.» Und die Ungewissheit über die Zukunft des Klubhauses trage nicht zur Opferbereitschaft bei.

Seit 1981 ist der Spanierverein im Klubhaus beheimatet. Wie lange noch, ist ungewiss. Der Mietvertrag ist bis April 2017 befristet. Ende Jahr soll die Zukunft der Häuserzeile an der Lagerstrasse geklärt sein – und damit auch die des Klubhauses. Geht es nach der Bevölkerung, soll es stehen bleiben: In einer Sozialraumanalyse der Fachhochschule und einer Online-Umfrage der Stadt hatte die Mehrheit der rund 1200 Teilnehmer für einen Erhalt des Gebäudes plädiert.

«Ein Kleinod voller Leben»

Es ist schon bald Mitternacht. Das Restaurantteam isst gemeinsam im vorderen Saal, wie jeden Abend. Ein Ehepaar mittleren Alters sitzt an einem der Tische an der Fensterfront des hinteren Saals. Fast jedes Wochenende kommen sie hierhin. Die gute und lockere Stimmung gefällt ihnen. «Und wo sonst bekommt man spätabends noch etwas zu essen?», fragt die Frau. Der Mann spricht von einem «Kleinod voller Leben», das auch Leben ins Quartier bringe. «Es hat etwas Ursprüngliches und gehört einfach hierhin.»

Blickt man auf dem Heimweg an der Lagerstrasse ins abends so leblose und dunkle Areal hinter dem Hauptbahnhof, steht das Klubhaus mit seinen erleuchteten Fenstern da wie ein kleiner Leuchtturm.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



fedex (07. März 2016, 19:42)
Schützenswert!

Ja es mag heruntergekommen sein und nicht ins Konzept visionärer Stadträte passen aber es ist LEBEN darin! Was mehr soll ein Haus bieten? Vielen Neubauten und Schickeria-Restaurants bieten niemals eine solche lebhafte Atmosphäre. Hoffentlich kann es noch lange so genutzt werden.

Beitrag kommentieren

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

ostjob.ch  STELLENSUCHE

Ostschweizer Trauerportal

tagblatt.ch / leserbilder

FACEBOOK.COM /TAGBLATT