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Tagblatt Online, 28. Januar 2012 01:03:00

Textilkultur statt Massenfetzen

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Monika Kritzmöller (Bild: Reto Martin)

ST.GALLEN. Kleine Läden werden in der St. Galler Innenstadt zunehmend von Filialen verdrängt. Fachleute sehen keine Möglichkeit, regulierend in diese Entwicklung einzugreifen – aber Potenzial, der Massenware einzigartige Stickerei entgegenzusetzen.

CHRISTINA WEDER

Sie macht um jede Kleiderkette und um jeden Supermarkt einen Bogen. Monika Kritzmöller, Soziologin an der HSG, liebt die kleinen Läden und Geschäfte. Doch diese haben es schwer. Laut einer Studie der Credit Suisse ist die Zahl der Läden in der St. Galler Innenstadt innert zehn Jahren von 377 auf 315 zurückgegangen.

Eine Ursache dafür sieht Monika Kritzmöller im veränderten Kaufverhalten. Shoppen sei eine Freizeitbeschäftigung geworden. Jugendliche ziehen – mit dem Starbucks-Becher in der Hand – von Laden zu Laden. Bietet eine Verkäuferin Beratung an, kommen schnell die Worte über die Lippen: «Nein danke, ich schaue nur.» Shoppen ist unverbindlich geworden, unpersönlich.

Shoppen braucht Zeit

Anders ist es in den kleinen Läden, wo man noch vom Inhaber oder von immer derselben Verkäuferin bedient wird. Da müsse man sich fast rechtfertigen, wenn man sich nicht entscheiden könne, sagt Kritzmöller. Ein Kriterium, den anonymen Ketten den Vorzug zugeben. «Die ältere Generation weiss dagegen die persönliche Beratung im Stammgeschäft noch zu schätzen.» Am extremsten beobachtet sie diese Veränderungen in der Modebranche, wo internationale Ketten kleine Läden verdrängen – auch aufgrund der steigenden Mietpreise.

Wer Shoppen als Freizeitbeschäftigung betreibt, braucht Zeit. Anders sieht es aus, wenn jemand nur kurz das Auto hinstellen, herausspringen und etwas Bestimmtes besorgen will. Das sei in der verkehrsberuhigten Innenstadt gar nicht so einfach, sagt Kritzmöller: «Wenn es unpraktisch wird, fahren viele lieber in die Einkaufszentren.» Ein weiterer Grund, dass zahlungsbereite Kunden andernorts einkaufen.

Authentisch sollte es sein

Die Expertin bedauert diese Entwicklung. Sie nimmt Liegenschaftseigentümer, Konsumenten und Detailhändler in die Pflicht. Sie müssten zusammenspannen, damit St. Gallen nicht von Massenware überflutet werde. Das Angebot mache eine Stadt schliesslich einzigartig. Kritzmöller setzt dabei vor allem auf Mut und Eigeninitiative, um mit kleinen Läden den Nerv der Zeit zu treffen. «Solange etwas authentisch, persönlich oder konsequent ist, sehe ich da grosse Chancen.»

Gerade in St. Gallen sei Potenzial vorhanden, und es herrsche eine Kultur, in der man immer wieder neue Leute kennenlerne, die voneinander profitieren könnten. Man müsse sich auf die Ressourcen der Textilstadt besinnen und den günstigen «Fetzen» mit hochwertiger Textilkultur die Stirn bieten. Sie denkt neben Bekleidung auch an Accessoires oder Innendekorationen aus Stickereien. Das Interesse an den textilen Schätzen sei ungebrochen.

Gesetze des Marktes

Das Jammern darüber, dass die Innenstadt in einen Dornröschenschlaf verfalle, hält auch Martin Boesch für übertrieben. Der Professor an der Forschungsstelle für Wirtschaftsgeographie und Raumordnungspolitik an der HSG und SP-Stadtparlamentarier sagt, der Wettbewerb sei in allen Bereichen schärfer geworden. Es herrschen die Gesetze des Marktes. Da können die kleinen Detaillisten manchmal nicht mehr mit den Grossanbietern mithalten.

Boesch ist der Ansicht, die öffentliche Hand könne dagegen fast nichts ausrichten. Denn sobald bestimmte Geschäfte bevorzugt würden, stelle sich unweigerlich die Frage nach dem Legalitätsprinzip und der Gerechtigkeit. Am ehesten könnte die Stadt über eine aktive Liegenschaftspolitik den Branchenmix beeinflussen und dafür sorgen, dass sich bestimmte Geschäfte aufgrund der Mietzinsen halten können. «Der Preis des freien Marktes ist, dass es Entwicklungen gibt, die wir uns nicht unbedingt wünschen.»





Leser-Kommentare:
1 Beitrag

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micella (29. Januar 2012, 08:23)
Nötiges Kleingeld

Ein Hauptproblem wird wohl auch sein, dass der Grossteil der Käufer nicht über das nötige Kleingeld verfügt. Und so kauft man sich lieber ein paar günstige Kleider. Wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr aufgeht, so ist es klar, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung sich hochwertige Kleidung kaufen kann (was aber nicht heissen muss, dass diese auch unter ökologischen sozialverträglichen Bedingungen hergestellt worden ist).
Ich bin mir absolut sicher, dass bei genügend Einkommen, sich gerade auch die Jungen teurere Kleidung kaufen würden. Der Ausdruck 'gutbetucht' hat ja durchaus seine Wurzeln in der Einkommensfrage. Vielleicht sollte man dort ansetzen, wenn man eine Änderung erreichen möchte.

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