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Tagblatt Online
21. Januar 2013, 01:34 Uhr

St.Galler Ärzte stützen Cannabiseinsatz

ST.GALLEN. Der Vorschlag der Stiftung Suchthilfe, Cannabis für medizinische Zwecke kontrolliert abzugeben, stösst bei vielen Ärzten auf offene Ohren. Gerade in der Schmerztherapie und bei Krebserkrankungen wäre die Anwendung sinnvoll, heisst es.

DAVID GADZE

Die Stiftung Suchthilfe möchte die kontrollierte Cannabis-Abgabe zu medizinischen Zwecken einführen (Tagblatt vom 17. Januar). Verschiedene Ärzte unterstützen diese Idee. Alexander Ott, leitender Arzt Anästhesiologie und administrativer Leiter des Schmerzzentrums am Kantonsspital St.Gallen, fände eine Legalisierung zu medizinischen Zwecken sinnvoll: «Cannabis ist ein hervorragendes Schmerzmittel mit sehr guten schmerztherapeutischen Eigenschaften.»

Kaum Nebenwirkungen

Gerade bei Nervenschmerzen oder spastischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose habe es eine sehr gute Wirkung. Bei letzteren trage es auch dazu bei, dass die hohe Muskelspannung nachlasse. «Ausserdem hat Cannabis ein vorteilhaftes Nebenwirkungsprofil», sagt Ott. Bei der medizinischen Anwendung würden die Cannabinoide – verschiedene Stoffe, die im Harz der Pflanze vorkommen – gereinigt und getrennt. Dadurch verringere sich die Rauschwirkung. «Zu einem Rauschgefühl kommt es vor allem dann, wenn das Cannabis ausserhalb des medizinischen Einsatzes, beispielsweise ohne Schmerzen, oder in zu hoher Dosis konsumiert wird», sagt Ott. Richtig angewendet führe es nur selten zu einer psychischen Abhängigkeit. Eine körperliche könne jedoch wie bei herkömmlichen Medikamenten auftreten.

Cannabis werde im Schmerzzentrum selten verschrieben, da der administrative Aufwand sehr aufwendig sei und die Patienten noch Vorbehalte hätten. «Es handelt sich um Einzelfälle mit chronischen Schmerzen, die auf andere Opiate nicht oder schlecht ansprechen», sagt Ott. Es könne sowohl als Ergänzung zu anderen Medikamenten als auch als Ersatz verschrieben werden. «Das Ziel ist eine individuell angepasste Schmerztherapie. Dazu kann Cannabis einen wertvollen Beitrag leisten.»

«Interessant und wertvoll»

Auch Thomas Cerny, Chefarzt Onkologie am Kantonsspital, befürwortet eine medizinische Legalisierung: «Die cannabinoiden Substanzen sind medizinisch interessant und wertvoll. Gerade bei Patienten mit Krebs in fortgeschrittenem Stadium, die viele Schmerz- und andere Medikamente nehmen müssen.» Cannabis könne mit Speisen oder in Tröpfchenform verabreicht werden. Ein Vorteil sei, dass es gerade bei Menschen, die aufgrund einer Krebserkrankung viel Gewicht verlieren, appetitanregend sei und gegen Übelkeit wirke. «Es gibt kein alternatives Medikament, das diese Wirkung hat und gleichzeitig schmerzlindernd ist.» Ausserdem sei Cannabis kaum toxisch und auch gut verträglich in Kombination mit anderen Medikamenten, sagt Cerny. «Bei vielen Präparaten ist die Ausscheidung schwierig und es kann selbst bei einer angepassten Dosierung zu einer Überdosis kommen. Vom Sicherheits- und vom Wirkungsaspekt bringt Cannabis also einen grossen Vorteil, der es als Medikament einzigartig macht.»

Opiate sind längst akzeptiert

Momentan gebe es synthetische Präparate auf dem Markt, die – im Gegensatz zu Cannabis – teuer und schwer zugänglich seien. Das Mittel Marinol etwa koste rund 100 Franken. Deshalb wünscht sich Cerny eine Entkriminalisierung von Cannabis, damit es die Medizin «vernünftig brauchen» kann. «Heute gibt es keine starken Schmerztherapien ohne Opiate. Das ist in der Gesellschaft längst akzeptiert. Nun sollte auch bei Cannabis eine Entkrampfung stattfinden.»

Pietro Vernazza, Chefarzt der Infektiologie, stellt sich ebenfalls hinter die Abgabe zu medizinischen Zwecken. «In der palliativen Anwendung wäre die Legalisierung von Cannabis sinnvoll.» Er sei vor 20 Jahren an der Universität von North Carolina an einer Studie beteiligt gewesen, wo man mit THC sehr grosse Erfolge bei der Behandlung von Aids-Kranken erzielt habe. Ihr Wohlbefinden habe deutlich gesteigert werden können. Bei Aids spiele Cannabis inzwischen keine Rolle mehr, da die schweren Aids-Erkrankungen bei guter HIV-Therapie nicht mehr aufträten. In anderen medizinischen Bereichen, gerade bei Krebskranken, sei ein Einsatz von Cannabis aber durchaus prüfenswert.

Kein Konsum bei Psychosen

Es gebe keinen Grund, Cannabis in der Medizin nicht anzuwenden, solange es von Fachleuten verschrieben werde und die Aufklärung der Patienten gewährleistet sei, sagt auch Robert Schönenberger, Präsident des Ärztevereins St.Gallen.

Bei psychischen Erkrankungen sei eine Abgabe jedoch nicht sinnvoll, sagt Christopher Schütz von der Integrierten Psychiatrie Winterthur. «Bei Psychosen ist vom Konsum gänzlich abzuraten. Diese könnten sich dadurch verstärken.» Auf Depressionen hingegen habe vor allem der Konsum von Alkohol eine negative Wirkung. Der Zusammenhang zwischen dem Konsum von Cannabis und dem Ausbruch psychischer Erkrankungen sei nicht eindeutig nachgewiesen.

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