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Tagblatt Online
8. Februar 2016, 07:01 Uhr

Skateboarden im Neonlicht

«Home Sweet Home»: In der Fabrikhalle an der Haggenstrasse 45 in Bruggen sind noch bis zum Frühling Skateboarder zu Hause. Zoom

«Home Sweet Home»: In der Fabrikhalle an der Haggenstrasse 45 in Bruggen sind noch bis zum Frühling Skateboarder zu Hause. (Bild: Bilder: Michaela Rohrer)

Seit Anfang Jahr brettern die Skateboarder der Region durch ein Industriegebäude an der Haggenstrasse. Mit einer eigenen Halle fürs Wintertraining geht für die Skater ein grosser Wunsch in Erfüllung. Ein Besuch bei Besessenen.

ROGER BERHALTER

ST.GALLEN. Schön ist es hier nicht. Grauer Steinboden, nackte Wände, grelles Neonlicht und ohrenbetäubender Lärm. Kein Wunder, steht gleich am Eingang eine Box mit Ohrstöpseln bereit. Nicht wegen der Musik, die dumpf aus den Boxen dröhnt. Sondern weil hier, in einer Fabrikhalle an der Haggenstrasse 45, seit ein paar Wochen Skateboarder trainieren. Ihre Bretter knallen immer wieder auf den Boden, schaben über das Stahlgeländer, wetzen über die Schanze. Die Skater reden kaum, üben stumm ihre Tricks: Sportler beim Training.

Wie eine grosse Familie

Seit Anfang Jahr fühlen sich die Skateboarder in dieser Halle am Bahnhof Haggen wie zu Hause. «Home Sweet Home» heisst es auf der Fussmatte vor der Eingangstür. «Wir sind sehr glücklich, dass wir einen Raum für den Winter haben, wo wir fix trainieren können», sagt Damiano Canzian. Der 18-Jährige gehört zur Betriebsgruppe der Skaterhalle. Also zu jenen, die jeweils die Tür aufschliessen, die Hausordnung sicherstellen («Keinen Abfall liegenlassen!») und einmal pro Woche die Bremsspuren der Skateboards wieder vom Boden reiben.

«Wir sind wie eine grosse Familie, das gefällt mir am Skaten auch so gut», beschreibt Canzian die Szene. «Wir machen alles zusammen: Wir skaten, gehen zusammen in den Ausgang und in die Ferien.»

Ihre Trainingsgeräte haben die Jugendlichen selber aufgestellt. Die Rail – ein niedriges Geländer aus Stahl – haben sie mit dem Zug von Uzwil hierher transportiert. Die hölzerne Rampe an der Wand, auf der die Skater Schwung holen, hat der angehende Schreiner Damiano Canzian selber entworfen und zugeschnitten.

Fabio Martin stürzt, schlittert über den Boden, sein Brett knallt gegen die Wand. Der 19-Jährige ist die treibende Kraft der St. Galler Skatergruppe. Er war es auch, der beim Jugendsekretariat der Stadt nach einer Halle für den Winter gefragt hat. «Das haben wir uns schon immer gewünscht. Bis jetzt mussten wir im Winter immer bis nach Zürich fahren.»

Von Szenemarken gesponsert

Jetzt trainiert der St. Galler dreimal pro Woche in Bruggen. «Das ist Luxus!», freut sich Martin, der zu den besten Skatern der Region gehört, an internationalen Wettbewerben mitfährt und von Szenemarken gesponsert wird. Ein Besessener: «Es gibt nur das Skaten, wir leben das. Ich habe keine anderen Hobbies.» Er zeigt lächelnd auf eine Beule am Unterarm: «Die ist von heute.» Dann zupft er seine gelbe Mütze zurecht und saust davon; das nächste Hindernis wartet.

Fortschritt im Trockenen

Plötzlich ein Freudenschrei: «Halleluja!» Jordan Sonderegger steht auf seinem Brett und scheint durch die Hallendecke in den Himmel zu blicken. Soeben hat er einen Kickflip gestanden, sein Brett hat sich in der Luft einmal um die Längsachse gedreht, bevor er wieder darauf gelandet ist. Der 18-Jährige strahlt. «Das ist ein grosser Fortschritt für mich.» Auch er kommt oft in die Halle zum Training. Draussen zu skaten sei im Winter schwierig: «Die Boards vertragen kein Wasser. Dringt es in die Kugellager, fangen sie an zu rosten und gehen kaputt.»

Nur noch bis zum Frühling

Es ist 21.30 Uhr, Feierabend in der Skaterhalle. Michaela Hardegger klaubt die Schaumstoffstöpsel aus den Ohren. «Die brauche ich jeweils, sonst hab ich nachher soo einen Kopf!», sagt sie und lacht. Hardegger ist eine der Mitarbeiterinnen des Jugendsekretariats, die während der Öffnungszeiten ebenfalls vor Ort sind. Über das Jugendsekretariat sind die Skater auch zu ihrer Halle gekommen, die, wie das ganze Gebäude, der Stadt gehört.

Michaela Hardegger zeigt auf die Besucherstatistik in ihrem Ordner. «Heute sind nur wenige gekommen. Aber es sind ja auch Winterferien.» Normalerweise würden etwa 20 bis 30 Skater pro Abend durch die Halle brettern. Mehr als 90 haben sich mit Namen registriert, was Bedingung ist, um fahren zu dürfen.

Bald ist damit aber wieder Schluss, das Skaten ist nur eine Zwischennutzung. In ein paar Monaten wird die Fabrikhalle zum Büro umgebaut, damit die Sozialen Dienste einziehen können. Wo trainieren die Skater denn im nächsten Winter? Fabio Martin zuckt die Schultern: «Das ist eben die Frage...»

Die Skaterhalle an der Haggenstrasse 45 ist jeweils am Dienstag und Donnerstag von 17 bis 21.30 Uhr sowie am Samstag von 13 bis 18 Uhr geöffnet (bis zum 9. April).


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