Tagblatt Online, 08. Mai 2012 01:07:00
Rot-Grün greift die CVP an
Sylvia Huber und Ruedi Blumer bei Bekanntgabe ihrer Kandidatur im «Kaffeehaus», flankiert von Bettina Surber (links), Präsidentin der städtischen SP, und Thomas Schwager, Fraktionspräsident der Grünen im Stadtparlament. Die SP-Mitgliederversammlung nominiert morgen Mittwoch. (Bild: Ralph Ribi)
ST.GALLEN. Der SP-Vorstand will mit einem Zweierticket zu den Stadtratswahlen antreten. Vorgeschlagen sind – eher überraschend – PFG-Stadtparlamentarierin Sylvia Huber und der Gossauer SP-Kantonsrat Ruedi Blumer. Die Grünen verzichten vorerst.
ANDREAS NAGEL
Dass die SP wieder zwei Sitze im Stadtrat fordert, ist keine Überraschung. Das war nach den erfolgreichen Wahlgängen im Herbst und Frühling absehbar und lässt sich auch rein rechnerisch vertreten. Es sind vielmehr die Namen. Was dem «Arboner» Martin Klöti bei den St. Galler Regierungswahlen für die FDP gelungen ist, soll nach dem Willen des SP-Vorstands – sekundiert von jenem der Grünen – nun auch der «Gossauer» Ruedi Blumer schaffen: nämlich als «Externer» gewählt zu werden.
Glarner, Gossauer, Wiler
Blumer (55), verheiratet und Vater von drei erwachsenen Töchtern, sitzt seit 16 Jahren im Kantonsrat und wurde soeben glänzend wieder gewählt. Die ersten beiden Legislaturen politisierte er noch für den Landesring der Unabhängigen (LdU), seit 2004 für die SP. Blumer ist Glarner, wohnt seit 30 Jahren in Gossau und arbeitet seit 2001 als Schulleiter in Wil. «St. Gallen ist grösser», spannte Stadt-SP-Präsidentin Bettina Surber an der gestrigen Medienorientierung den Bogen bewusst etwas weiter, um die Kandidatur zu erklären. St. Gallen sei längst eine Region und Blumer der richtige Kandidat für den «Aufbruch über die Stadtgrenzen hinaus».
Warum kandidiert der Primarlehrer nicht an seinem Wohnort? In Gossau wäre nur ein Teilamt zu haben. Und er wolle, wenn schon, «richtig neu anfangen», so Blumer. Vor allem aber sei die SP in St. Gallen die «grösste und wichtigste Partei», in Gossau spiele sie lediglich eine Nebenrolle.
Musik Hug bis Frauenzentrale
Sylvia Huber (50) ist seit 1998 «Mitfrau», so heisst es in ihrem Lebenslauf, der Politischen Frauengruppe (PFG) St. Gallen und wurde 2003 ins Stadtparlament gewählt. Sie gehört dort der SP/Juso-Fraktion an und nimmt seit 2005 Einsitz in der ständigen Baukommission. Auch Hubers Kandidatur darf als Überraschung gewertet werden. Ihre berufliche Karriere führte sie nach einer Ausbildung zur Detailhandelsangestellten bei Musik Hug über verschiedene Sozialpraktika ins Offene Haus St. Fiden, das sie ab 1989 während zehn Jahren führte. 1999 folgte nach einer zusätzlichen Ausbildung zur sozio-kulturellen Animatorin der Wechsel zur Leiterin der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen St. Gallen-Appenzell, die unter der Trägerschaft der Frauenzentrale steht. Eine Tätigkeit, der Huber bis heute nachgeht. Bis 2011 war sie zudem Mitglied der nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. Bettina Surber bezeichnete die Kandidatin als «sehr gut in der Stadt vernetzt». Das rühre insbesondere auch von Hubers kultur- und frauenpolitischem Engagement, seit zehn Jahren beispielsweise als Mitglied in der Betriebsgruppe des Frauenpavillons.
Die Grünen treten vorläufig nicht selber zu den Stadtratswahlen an. Der Vorstand will Huber und Blumer portieren. Die Mitglieder werden «nach der Sommerpause» eine Parole fassen, wie Fraktionspräsident Thomas Schwager sagte. «Knapp» habe es leider nicht zu einer eigenen Kandidatur gereicht, die «Rahmenbedingungen» hätten zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht gepasst.
Rot-Grün bald zu dritt?
Surber wie Schwager schliessen nicht aus, dass Rot-Grün – «längerfristig betrachtet» – dereinst gar dreifach im Stadtrat vertreten sein könnte. Die letzten Abstimmungen und Wahlen hätten gezeigt, dass sich die Bevölkerung der Stadt St. Gallen «im Aufbruch hin zum nachhaltigen, sozialen und kulturellen, zum fortschrittlichen und städtischen Zentrum der Ostschweiz» befinde.
Die Doppelkandidatur der rot-grünen Koalition garantiert Kampfwahlen und dürfte namentlich die CVP herausfordern. Nach dem angekündigten Rücktritt von Schuldirektorin Barbara Eberhard ist der zweite CVP-Sitz vakant. Die Christlichdemokraten wollen ihn mit Patrizia Adam verteidigen. Die SP hat Baudirektorin Elisabeth Beéry zu ersetzen, die ebenfalls auf Ende Legislatur abtritt. Stadtpräsident Thomas Scheitlin sowie die Stadträte Fredy Brunner (beide FDP) und Nino Cozzio (CVP) kandidieren wieder.
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