Tagblatt Online, 03. Juni 2010 06:23:00
Offen für alles, offen für alle
Kugl-Debatte
«Tschäss ond Wööscht»: Einer der Anlässe, der unter der Woche regelmässig Besucher ins Kugl lockt. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)
ST.GALLEN. Das Kugl steht vor dem Aus – sechs Jahre nach seiner Eröffnung. In diesen Jahren hat sich das Kulturlokal in der Ausgangsszene längst etabliert. Gerade weil es ein Treffpunkt abseits der Schickimicki-Schuppen in der Innenstadt ist.
Malolo Kessler
Es riecht nach Würsten, Zigarettenrauch und Regen. Der Himmel über dem Kugl verdunkelt sich immer mehr, es ist kurz nach 21 Uhr. Draussen vor dem Eingang des Kulturlokals im alten Güterbahnhof steht ein gutes Dutzend Leute. Sie rauchen, trinken, reden. Viele von ihnen sind regelmässig am Dienstag hier, dann, wenn es im Kugl jeweils «Tschäss ond Wööscht» gibt – Musik und gutes Essen zum kleinen Preis.
Drinnen steht die Jazzformation Mumur um Markus Lauterburg auf der Bühne. An den Holztischen sitzen Leute, essen und hören zu. Auf jedem Tisch steht ein Sträusschen mit Wiesenblumen und eine Kerze, der Raum ist abgedunkelt. In einer Ecke wird flüsternd diskutiert. Genauso – nur etwas lauter – an der Bar. Und im Fumoir und auch draussen. Das Thema aller Themen: die drohende Schliessung des Kugl. Manche sprechen von der Facebook-Gruppe, die sich dagegen wehrt. Andere erinnern sich an namhafte Bands, die schon auf der Kugl-Bühne standen.
Oder an die legendären Parties, die hier gefeiert wurden.
Viel Geld und Herzblut investiert
Das Kugl ist das kulturelle Kind fünf junger Männer aus der Region. Anfang 2003 hatten sie die Idee, einen neuen Veranstaltungsort zu schaffen. Zu einer Zeit, in der die St. Galler Jugend nach neuen Freiräumen lechzte.
Die Initianten Daniel Weder, Christian Engesser, Bill Ender, Samuel Gersbach und Michael Schumacher hörten von den freien Räumen im ehemaligen Cargo-Domizil, gründeten eine GmbH, entwarfen ein Konzept. Sie liehen sich Geld von Bekannten und Verwandten und investierten eigenes. Und die Männer investierten ihr Herzblut in den neuen Kulturtreffpunkt, den sie fortan Kugl – Kultur am Gleis – nennen wollten. Mit Hilfe von Freunden und Verwandten bauten sie das Cargo eigenhändig um.
Von der Lüftung bis zu den sanitären Anlagen – alles machten sie selbst. Anfang Mai 2004 wurde das Kugl offiziell im Rahmen des Honky-Tonk-Beizenfestivals eröffnet.
Für Rocker und Banker
Das Konzept der Kugl-Macher war von Beginn an stark auf alternative Kultur ausgerichtet. Sie organisierten auf den 400 Quadratmetern nebst Konzerten Podiumsdiskussionen, Malnachmittage oder Theateraufführungen. Offen sein für alle und alles war das Credo. Für den Rocker genauso wie für den Banker.
Es sollte ein Kulturtreffpunkt abseits der anderen Clubs sein. Abseits der Schickimicki-Schuppen im Stadtzentrum. Und jenseits von Dresscodes und überteuerten Getränken. Das ist das Kugl bis heute geblieben – trotz Programmänderungen, trotz Rückschlägen und vieler Auf und Abs in den vergangenen sechs Jahren.
Fokussierung auf Parties
Einen Tiefpunkt erlebten die Betreiber, als sie sich 2005 entschlossen, zusätzlich den «Bierhof» im Linsebüel-Quartier zu übernehmen.
Damit hatten sie sich übernommen. Anderthalb Jahre später gab die GmbH den Betrieb wieder auf.
2007 kämpfte der Kulturbetrieb dann Seite an Seite mit den ansässigen Quartiervereinen gegen eine Neuüberbauung des Güterbahnhofs. Das St. Galler Stimmvolk lehnte die Vorlage deutlich ab. Im selben Jahr übernahm Rouven Hörler, langjähriger Programmchef der Remise Wil, die Verantwortung für die Programmgestaltung.
Seither fokussiert sich das Kugl nebst regelmässigen etablierten Veranstaltungen unter der Woche am Wochenende vor allem auf Parties – Hip-Hop-Parties, Motto-Parties oder Techno-Parties.
Immer Alternativen gesucht
Dass das Kugl nicht für die Ewigkeit ist, war von Anfang an klar. «Wir wussten, dass irgendwann eine Überbauung kommen wird», sagt Geschäftsführer Daniel Weder. Immer wieder hätten sie sich nach Alternativen umgeschaut. Und immer wieder geisterten Schliessungsgerüchte durch die Szene.
Nun ist es nicht eine Überbauung, die dem Kulturbetrieb im Güterbahnhof das Genick bricht, sondern ein Gerichtsurteil.
Draussen ist es dunkel geworden. Es ist kurz nach 22 Uhr. Nur noch vereinzelt stehen Kugl-Besucher vor der Eingangstüre. «Ich verstehe den Kläger nicht», sagt ein junger Mann. Im Vergleich zu früheren Jahren habe sich die Situation ums Kugl in letzter Zeit extrem verbessert. Lärm werde sofort vom Sicherheitspersonal unterbunden. «Und am Wochenende ist es ja nicht einmal mehr erlaubt, Getränke nach draussen mitzunehmen.
» Er trinkt einen Schluck Bier. Früher, erzählt er dann, sei er jeweils nach Zürich gefahren, um wirklich gute Techno-Parties zu besuchen. Seit das Kugl aber solche organisiere, müsse er das nicht mehr. «Eine Schliessung wäre schon ein Verlust für die Szene», sagt er. Wäre. Ein Fünkchen Hoffnung besteht also noch.
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Kommentare lesen
cse (04. Juni 2010, 18:15)
Alternative
Wieso nicht in Mörschwil im Freihof. Der steht schon seit Jahren leer und wartet auf eine kulturelle Nutzung.
Beitrag kommentierenAusserdem ist er durch den öV bestens erschlossen.
Dann würde wenigstens auch in Mörschwil etwas laufen und nicht alles nur in der Stadt St. Gallen.
unbekannt (03. Juni 2010, 09:22)
Armutszeugniss
Was für ein Armutszeugniss für die Stadt. Wochenende für Wochenende deckt das KUGL ein Bedürfniss welchem die Stadt nie genügend nachgekommen ist. Raum für jugendliches und jungebliebenes Leben auch nach 24:00 uhr. Wann gewöhnt man sich endlich daran dass sich das Urbane Leben, die Ansprüche und der Umgang damit grundlegend verändert hat?
Beitrag kommentierenNichts verdeutlicht dieses Nichtverstehen offensichtlicher als die Tatsache dass ein Herr älteren Alters über 7000tausend jugendliche diesen "Freiraum" nimmt - und die Politik schweigt !!
Bravo ihr Altherren und Damen!
Bravo Stadt !
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