Tagblatt Online, 29. September 2011 01:04:00
«Neubad», St. Gallen: Was fast verloren schien, wird doppelt geschätzt
War das ein Schock für die St. Galler, als im vergangenen Frühjahr ein Grossbrand die traditionsreiche «Speisewirtschaft und Weinstube» im Klosterviertel zu zerstören drohte! Und ist das eine Freude, dass das «Neubädli» nach einem Unterbruch von 400 Tagen seine Gäste wieder empfängt, wie wenn nichts gewesen wäre.
Alles wieder so schön wie zuvor
Die Räumlichkeiten, allen voran die stimmungsvolle Gaststube mit ihrer gotischen Holzdecke im ersten Stock, haben den Brand anscheinend unbeschadet überstanden und strahlen mit der Gastgeberin Monika Engler um die Wette. Die St. Galler jeglichen Bekenntnisses wissen allen Heiligen des Klosterviertels Dank: Es ist alles wieder, wie es vorher war! Und das heisst: Gemütlich, aber mit Stil, qualitätsvoll, aber mit Bodenhaftung, kurz: ein Ort, wo man immer wieder gerne einkehrt.
Von der gastronomisch-gesellschaftlichen Notwendigkeit des «Neubädli» sind offensichtlich nicht nur die Gäste überzeugt, wie der florierende Betrieb in Gaststube, Bistro und an schönen Tagen auch bis auf die Bankgasse hinaus zeigt, sondern auch das Team, das nach der behutsamen Behebung des Brandschadens unverändert wieder angetreten ist: Neben Monika Engler als Seele des Ganzen der (immer noch) junge Küchenchef Reto Hofer und das ganze junge Team.
Gutbürgerlich …
Aus der Sparte «gutbürgerliche Küche» (siehe «Bodenhaftung») kam nach einem schönen bunten Blattsalat (à 12.50) ein tadelloses «Zürigschnetzlets» mit Pilzrahmsauce und knuspriger Rösti auf den Tisch (37.50).
… und kreativ
Dass aber gutbürgerliche Küche nicht einfach aus einem – wenn auch gut zubereiteten – 08/15- Angebot bestehen muss, sondern durchaus kreative Ideen zulässt, zeigt Retos «Neubädli-Menu», aus dem wir die Vier-Gang-Variante (à 78 Franken) wählten. Zuerst eine weisse und daher nur diskret «tomatige» Tomatensuppe mit Basilikumpesto. Dann als ersten Höhepunkt gebratenen Hummerschwanz auf Limonentagliatelle mit geschmorten Tomaten und Peperoni-Confit – hervorragend!
Auch die Kalbsfiletmedaillons mit Kräuterkruste auf einer Oliven-Polentaschnitte mit mediterranem Gemüse und Paprikaschaum überzeugten uns.
Und obwohl unsere physischen Kapazitäten nach drei grosszügig dimensionierten Gängen eigentlich erschöpft waren, konnten wir der vierteiligen süssen Schokoladenvariation nicht widerstehen (Schoggi-Grand-Marnier-Espuma, weisse Mousse, dunkles Sorbet und ein Schoggiküchlein).
Auf der Weinkarte stach uns ein apulischer Roter namens «Cinque autoctoni» (Farnese) ins Auge, der offen für 8.50 Fr./dl ausgeschenkt wird. Die aus fünf autochthonen süditalienischen Rebsorten bestehende Assemblage ist eine Wucht!
Unser Eindruck: Im «Neubädli» setzt ein junges Team unter der Vollblut-Gastgeberin Monika Engler alles daran, den Gast zu verwöhnen. Die St. Galler danken es ihnen – nach dem brandbedingten Unterbruch doppelt.
Gottlieb F. Höpli
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