Kampf ums Kugl, 02. Juni 2010 06:52:00
Kampfeslust wider Erleichterung
Kampf ums Kugl
Eingangsbereich des Kugl: Bis zu 450 Personen besuchen die Anlässe im alten Güterbahnhof regelmässig. (Bild: Bild: Hanspeter Schiess)
ST.GALLEN. Die Tage des Kugl sind gezählt. Dagegen wehren sich Tausende von Jugendlichen im Internet – und mit ihnen einige Persönlichkeiten aus der St. Galler Kulturszene. Im Quartier beim alten Güterbahnhof herrscht derweil Zufriedenheit.
Malolo Kessler
Sie sind viele. Und sie werden immer mehr. Einigen von ihnen fehlen die Worte. Andere finden es traurig. Eine Frechheit, eine Sauerei. Und vor allem eines: ungerecht. Fast 6800 Personen wehren sich in einer Gruppe des sozialen Netzwerks Facebook gegen die Schliessung des Kugl («Kultur am Gleis»).
Am Montag wurde bekannt, dass das Bundesgericht nicht auf eine Beschwerde des Kugl eintritt.
Damit erhält ein Nachbar recht, der gegen den Kulturbetrieb auf dem Areal des alten Güterbahnhofs geklagt hatte. Und die Tage des Kugl sind gezählt. Dies, weil der Club in absehbarer Zeit die Bewilligung verliert, dreimal wöchentlich bis zum Morgengrauen geöffnet zu haben. Ohne die unbeschränkten Öffnungszeiten kann das Kugl finanziell aber nicht überleben (Tagblatt von gestern).
Seit 40 Jahren nichts geändert
Die virtuelle Widerstandstruppe auf Facebook operiert mit Dutzenden von Ausrufezeichen, einigen Fluchwörtern und ein paar konstruktiven Ansätzen. Der Gruppe «Gegen die Schliessung vom Kugl» gehören allerdings nicht nur Jugendliche an. Dabei ist auch die eine oder andere entschieden ältere Persönlichkeit aus der Kulturszene. Beispielsweise der legendäre St. Galler DJ Johnny Lopez. «Traurig», schreibt er. «Es ändert sich nichts. In den 60er und 70er Jahren dachten wir, die Menschen öffnen sich, werden toleranter, weniger egoistisch, aber das Gegenteil ist der Fall.» Ein anderer, der sich seit Jahrzehnten in der hiesigen Kulturszene auskennt und bewegt, ist Steff Signer, der älteren Generation wohl noch als «Infrasteff» in Erinnerung. «Schon so oft erlebt, eine solche Situation», schreibt er im virtuellen Netzwerk.
Der Kampf um den Erhalt der letzten Freiräume in dieser «ach so durchgestylten, light-aromatisierten Gesellschaft» begleite ihn schon durch das ganze Leben. «Und jetzt, mit bald 60 Jahren, hat sich immer noch nicht viel geändert.» Der Herisauer ruft aber auch dazu auf, nicht nur im World Wide Web für das Kugl einzustehen, sondern auch in der realen Welt.
Räume wichtig für die Jugend
In ebendieser bewegt sich Urs Benz, Leiter des Jugendsekretariats. Er bedauert die Schliessung des Kulturlokals. «Für Jugendliche sind solche Räume extrem wichtig.» Genauso wie die Erwachsenen auch ihre Quartierbeizen brauchten. Es sei schade, wenn solche Orte verlorengingen.
Das sieht der St. Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin ähnlich. «Das Kugl ist für Jugendliche sicherlich ein wichtiger Treffpunkt.» Er versteht daher deren Betroffenheit. «Schade, dass es so weit kam.» In einer Stadt würden dauernd unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, die es gegenseitig abzuwägen gelte. Da es sich um einen Gerichtsentscheid handle, sei dieser zu akzeptieren und als Herausforderung für etwas Neues entgegenzunehmen.
Dass sich die Stadtregierung für das Kulturlokal engagiert, wünscht sich Christof Huber vom OpenAir St. Gallen. «Das Kugl hat jahrelang innovativ und eigenständig ein gutes Programm gemacht», sagt er. Ein Programm jenseits der übrigen St.Galler Clubszene. Es biete der Nischenkultur eine Plattform, organisiere etwa regelmässig Electro-Parties oder Jazzkonzerte, die viele Junge besuchten. «Das entspricht einem grossen Bedürfnis», sagt Kulturmanagerin Michaela Silvestri, ehemalige grünliberale Stadtparlamentarierin.
Flaschen in den Gärten
Bedürfnisse der anderen Art hat ein Teil der Anwohner im Kugl-Quartier: keinen Dreck, keinen Lärm.
«Wir erleben den ganzen Kugl-Betrieb seit Jahren mit», sagt Alfred Mallepell vom Quartierverein Tschudiwies-Centrum. «Für direkte Anwohner nicht einfach.»
Mallepell spricht von Flaschen in Gärten, Abfall auf dem Veloweg, lauten Nächten, unzähligen Reklamationen. Viele hätten sich am Betrieb des Kulturlokals gestört und verstünden den Kläger. Es gebe aber auch Anwohner, welche die Schliessung bedauerten. Aber die negativen Seiten des Kulturbetriebs hätten schlichtweg überwogen.
«Nachdem das Urteil rechtskräftig geworden ist, spüren wir jetzt eine gewisse Erleichterung im Quartier.»
Derweil steigt die Mitgliederzahl der Facebook-Gruppe gegen die Schliessung des Kugl von Stunde zu Stunde. Und die Kampfeslust – zumindest im Netz. Sie würden ihr Nachtleben nicht ohne weiteres aufgeben, schreibt ein Mitglied. Die «letzte Schlacht» sei noch nicht geschlagen.
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