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Tagblatt Online, 13. März 2010 01:01:15

Ein telegener Christenmensch

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Im Scheinwerfer: Thomas Joller als Wort-zum-Sonntag-Sprecher. (Bild: Bild: Urs Bucher)

Thomas Joller tritt heute zum letzten Mal im «Wort zum Sonntag» am Schweizer Fernsehen auf. Ein «Bischofsschreck» war er nicht. Auf dem Kissen sitzend zu meditieren, ist für ihn aber selbstverständlich.

daniel klingenberg

Gestern lief für Thomas Joller zum letzten Mal ein monatliches Ritual ab: Kurz vor Mittag den Zug von St. Gallen nach Zürich nehmen, 14.15 Uhr der Termin in der «Maske», eine halbe Stunde später im Studio. 60 Minuten darf er üben, das «Wort zum Sonntag» in die Kamera zu sprechen. Eine Zeitspanne, die der gelernte Schauspieler und studierte katholische Theologe nie ausschöpfte: «Wenn es beim fünften Mal nicht geht, geht es nicht.»

Eine halbe Million Zuschauer

17-mal ist Thomas Joller in den vergangenen eineinhalb Jahren im «Wort zum Sonntag» am Schweizer Fernsehen aufgetreten. Seine Einschaltquote lässt sich sehen: Über eine halbe Million Zuschauer haben ihn bei «Spitzensendungen» gesehen. Gewiss, er hat einen Mundart-Bonus: Das Nidwaldnerische klingt urchiger als der Ostschweizer Dialekt.

Aber es ist nicht die Sprache allein, die ihn telegen macht: Dazu gehören die grauschwarzen, leicht gelockten Haare und die neugierigen Augen. Mit 55 Jahren kann er im geschniegelten Anzug vor der Kamera durchaus bubenhaft wirken – zumal er sonst Jeans und Pullover trägt. Die Joller-Selbsteinschätzung stimmt dabei mit der Aussensicht überein: «Ich habe wohl eine Ausstrahlung, die via TV funktioniert.»

Gut aussehen reicht aber nicht für einen Fernsehprediger. Da muss eine Botschaft her. Oder wie es medienkirchlich korrekt heisst: ein «Kommentar zum Zeitgeschehen aus christlicher Sicht». Klare Worte zu heissen Kirchenthemen – Zölibat, Pädophilie, Kondome – haben schon oft für Aufregung gesorgt. Joller bekam dafür einen Steilpass: Nach seiner Wahl ins «Wort zum Sonntag»-Team wurde er in den Medien als «Bischofsschreck» lanciert. Dies aufgrund einer Differenz mit dem ehemaligen Bischof des Bistums Chur.

Nach den ersten Sendungen war aber klar: Joller tritt der Obrigkeit nicht auf die Zehen.

Mit Käptn Vancouver unterwegs

Viel mehr als Skandale interessieren den Leiter der Offenen Kirche St. Gallen nämlich noch nicht entdeckte Bezirke der Seele. Er ist eher ein «Innerlichkeits-Virtuose» denn ein Sozialrevolutionär. Exemplarisch ist dies im Beitrag zum Seefahrer-Kapitän Vancouver, der unerforschte kanadische Gebiete ausmass.

In der entzauberten und durchrationalisierten Event-Gesellschaft gilt es für Joller andere unbekannte Landschaften zu erforschen. Die grosse Entdeckung wartet im Innern des Menschen, bei der Frage: «Wer bin ich?»

Dorthin findet Joller – und dazu muntert er im Wort zum Sonntag auf – durch die «Auseinandersetzung mit sich selber». Sich zu fragen: «Was ist eigentlich mit mir los?» Dafür braucht er Kraft, und die kommt für Joller aus der Stille. Am Morgen steht er eine Stunde früher auf, als er müsste. Erst sind Konzentrationsübungen dran, dann meditieren. «Nichts» anderes tun als auf einem Kissen sitzen.

«Die Freude ist ein Schwungrad»

Das Thema der Sendung von heute möchte Joller noch nicht verraten. Die SF-Homepage zeigt sich gesprächiger: «Die Freude ist ein grosses Schwungrad». Bei einer seiner ersten Sendungen ging es um Trost. Damals startete der Bond-Streifen «Ein Quentchen Trost» und Joller setzte dem Helden mit Kampfspuren im Gesicht den sensiblen Mann, der mit inneren Verletzungen umzugehen weiss, entgegen. Beide Themen sind wohl typisch für Thomas Joller: Lebenssinn in Freude und Trost zu finden, ist für ihn eine letztlich religiöse Sache.





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