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Tagblatt Online, 18. Juni 2010 08:42:00

Die Psychologie des Wegwerfens

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Der nächste Abfallkübel ist auch auf dem Bahnhofplatz selten weit. Dennoch mögen manche ihren Müll lieber nicht bis dorthin tragen. (Bild: Bild: Michel Canonica)

ST.GALLEN. Mit dem vieldiskutierten Abfallproblem auf dem St. Galler Bahnhofplatz stellen sich grundsätzliche, fast schon philosophische Fragen: Warum der moderne Mensch Abfall liegen lässt und weshalb andere sich so darüber aufregen.

Die Emotionen über den zeitweiligen Zustand des St. Galler Bahnhofplatzes gehen hoch. Erstaunlich, denkt man daran, was beispielsweise die Menschen im Golf von Mexiko für ein Schmutzproblem haben. Immerhin weiss man in Amerika, wer schuld ist. Hierzulande wird der Schwarze Peter der liegengelassenen Abfälle wechselweise «den» Jugendlichen, «den» Randständigen, «den» Rauchern oder «der» Stadt zugeschoben (Tagblatt vom 29. Mai).

Währenddessen versuchen Fachleute und Wissenschafter, das gesellschaftliche Phänomen «Littering» zu erklären und Lösungen dafür zu finden (siehe Kasten). Jenseits des Schwarzen Peters und von Gut und Böse also einige Thesen zur «Abfallpsychologie» – anwendbar auch, aber nicht nur auf den Bahnhofplatz:

These 1: Die erste Kuh ist die schlimmste.

Auch bekannt als Herdentrieb oder Nachahmereffekt. Folgendes Gleichnis wird von Hans Peter Tobler, Unternehmensleiter des Bereichs Entsorgung der Stadt St. Gallen, überliefert: «Auf einer Allmend hatte nur eine bestimmte Anzahl Kühe Platz. Also durfte jeder Bauer nur eine Kuh dort weiden lassen. Als ein Bauer sah, dass ein anderer Bauer aber zwei Kühe auf der Allmend hatte, schickte er ebenfalls eine zweite Kuh hinaus. Resultat: Die anderen machten das gleiche, und die Allmend ging kaputt.

» Übertragen auf den Bahnhofplatz hiesse das: Herumliegende Abfälle senken die Hemmschwelle, eigenen Abfall ebenfalls liegen zu lassen. An sauberen und freundlich wirkenden Orten wird deutlich weniger Abfall liegen gelassen.

These 2: Integer sein ist anstrengend. Oder: Mit der Individualisierung der Gesellschaft einher geht ein Hang zu mehr Bequemlichkeit.

Mit der Abnahme der sozialen Kontrolle in der «vereinzelten» Gesellschaft ist der einzelne weniger bereit, das «Füdli zu lupfen» und die paar Schritte bis zum Abfallkübel zu gehen. Ein weiteres Symptom des neuen «Easy»-Gefühls ist der Griff zum bereitstehenden Schnellimbiss, der wiederum Abfall verursacht.

These 3: Das Leben im materiellen Überfluss verursacht mehr Abfall.

Gleichzeitig sinkt der Stellenwert des «Materials» im Vergleich zu Zeiten des Mangels – man wirft leichter weg als früher.

Was wiederum jene erbittert, die den Mangel noch erlebt haben. Nicht alle regen sich gleich stark auf. Tendenziell sind es aber die Älteren, die sich an den «gedankenlosen» Jüngeren stören.

These 4: Den Menschen von heute muss man nicht für die Gesellschaft von gestern erziehen. Er sollte aber bei aller Coolness lernen, Verantwortung zu übernehmen für den öffentlichen Raum, den er so gerne und extensiv nutzt.

Als erstes wird die breite Bevölkerung daher lernen müssen, das Problem zu erkennen. Bestenfalls mit ermunternden Botschaften, schlimmstenfalls mit Bussen.

Odilia Hiller

Literatur: «Thema Umwelt» 2/2006 auf www.umweltschutz.ch.




Leser-Kommentare:
3 Beiträge

Kommentare lesen

cse (20. Juni 2010, 23:28)
Individualisierung der Gesellschaft

führt auch zu mehr Anonymisierung.
Wenn mich niemand kennt, muss ich keinem Rechenschaft über mein Verhalten ablegen.

Vielleicht sollte man auch bewusst machen, dass man Gast ist und sich auch dementsprechend verhalten sollte.

Ich glaube kaum, dass man vor der eigenen Haustür seinen Abfall auf die Strasse wirft.

Vielleicht sind das auch die Folgen unseres Föderalismus: jeder schaut auf sich selbst und denkt nicht daran, was er bei anderen (Gemeinden) verursacht.

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hillero (18. Juni 2010, 17:38)
Ja, "extensiv nutzt"

Nein, sorry, will eigentlich nicht heissen "intensiv". Kommt aber im vorliegenden Fall ein bisschen aufs Gleiche raus.

Siehe http://de.wiktionary.org/wiki/extensiv

Danke trotzdem fürs Mitdenken.

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itzmi (18. Juni 2010, 16:11)
... extensiv nutzt ... ?

Will wohl heissen: .... intensiv nutzt

Aber ansonsten bin ich bzgl. dieses Problems ebenfalls ratlos. Littering ist leider nicht nur ein Jugend-Phänomän. Alte, Etablierte, Reiche, Landstreicher, Arme - alle sind dabei.

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