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Tagblatt Online, 1. November 2011, 08:50 Uhr

Der Apotheker als Lückenbüsser

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«Keine Notfallapotheke», aber 365 Tage offen: Die Rathausapotheke ist die einzige St. Galler Apotheke mit erweiterten Öffnungszeiten. (Bild: Urs Bucher)

Seit einigen Jahren gibt es in St. Gallen keine Notfallapotheke mehr. In die Bresche springen müssen teure Ärzte und Spitäler. Den Apothekern «tut das leid» – auf den Service verzichten sie aber auch aus Protest gegen die Hausärzte.

ODILIA HILLER

Manchmal läuft alles schief. Der Mann verbrennt sich beim Kochen die Finger. Keine Brandsalbe ist im Haus. Das Schoppenpulver geht aus. Und der Nuggi ist plötzlich spurlos verschwunden. Kann passieren, auch spätabends oder in der Nacht. Was tun? In Zürich oder Winterthur setzt man sich ins Auto oder ins Taxi und holt das gewünschte Medikament oder Hilfsmittel in einer 24-Stunden-Apotheke.

In St. Gallen ist man eher aufgeschmissen. Eine 24-Stunden-Apotheke gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Seit die Rathaus- Apotheke im SBB-Bahnhof an 365 Tagen im Jahr geöffnet hat, verzichten die Apothekerinnen und Apotheker der Stadt zudem ganz auf ausserplanmässige Öffnungszeiten.

«Momentan nicht zu ändern»

Wer also spätabends oder in der Nacht ein Medikament braucht, muss sich zwingend an den ärztlichen Notfalldienst oder die Notfallstationen der Spitäler wenden. Und bezahlt dort unter Umständen Konsultation und Notfallzuschläge – beziehungsweise die Krankenkasse. Auch wenn er oder sie nur ein Schmerzmittel oder eine Salbe braucht.

Ein Missstand in einer Zentrumsstadt? Dass die städtischen Apotheker keinen Notfalldienst mehr anbieten, habe nicht zuletzt einen politischen Hintergrund, sagt Yvonne Geiger Bischof, Präsidentin des Apothekerverbandes St. Gallen/Appenzell. «Solange im Kanton St. Gallen die Ärzte tagsüber 85 Prozent der rezeptpflichtigen Arzneimittel selber abgeben, sehen wir keinen Grund, in der Nacht hinzustehen und den Lückenbüsser zu spielen.» Wegen der Medikamentenabgabe in den Arztpraxen entstünden den Apotheken massive finanzielle Einbussen. Der Nachtdienst, der bis vor zehn Jahren jeweils von einer städtischen Apotheke im Turnus übernommen wurde, sei sowieso nie eine Einnahmequelle gewesen. Solange die Apotheker politisch so wenig gestützt würden, gebe es von Verbandsseite keinen Anlass, auf den Verzicht zurückzukommen. «Wir sind uns bewusst, dass St. Gallen damit im Vergleich zu anderen Städten eine schlechtere Falle macht. Das tut uns leid, ist aber momentan nicht zu ändern», sagt die Verbandspräsidentin.

Kinderspital bedauert…

Das Ostschweizer Kinderspital bedauert das Nichtvorhandensein einer 24-Stunden-Apotheke. «Wir wären froh, wir könnten manche Leute, die in der Nacht zu uns kommen, an eine Apotheke verweisen», sagt Guido Baumgartner, Leiter der Notfallstation des Kinderspitals. Immer wieder werde bei ihnen nach Schoppenpulver oder Windeln gefragt. Ein Schild am Empfang der Notfallstation weist mittlerweile darauf hin, dass diese Artikel nicht abgegeben würden. Bagatellfälle oder nicht, alle ankommenden Patienten werden im übrigen im Kinderspital als reguläre Notfallkonsultationen behandelt. «Natürlich verteuert das die Sache», sagt Baumgartner. «Aber wir wollen bei uns keinen Medikamentenverkauf anbieten.»

Anders im Kantonsspital. Dort möchte man die fehlende Apotheke möglichst ersetzen. «Als Teil des Notfallnetzes übernehmen wir das. Und dazu stehen wir», sagt Robert Sieber, Leitender Arzt in der Zentralen Notfallaufnahme. Ihnen sei wichtig, sowohl «Kunden- als auch Patientenbedürfnisse» abzudecken. Man erlaube sich auch einmal, jemandem zu sagen, er könne das Medikament auch am nächsten Tag kaufen. Doch im Zweifelsfall gebe man auch ein Schmerzmittel ab. Inklusive Notfallzuschlag von 30 Franken.

…Ärzteverein versteht

Der Präsident des Ärztevereins der Stadt St. Gallen, Robert Schönenberger, äussert Verständnis für die Apotheker: «Ressourcen muss man bündeln. Für die Apotheken ist das eine Frage der Wirtschaftlichkeit, und ich verstehe sie.» Im übrigen funktioniere es nicht schlecht, so wie es jetzt sei.



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
pms (01. November 2011, 15:52)
pms

so eine Scheinheiligkeit. Jahrelang hatte es EINE EINZIGE Apotheke die im Notfall erreichbar war und das dann auch nicht einmal immer !! und nun soll die ärztliche Abgabe schuld am Dauerschluss sein. Die verdienen einfach tagsüber zu viel an den Medikamenten und sind daher gar nicht auf Nachverkäufe angewiesen. Darum wurden die geschlossen. Punkt.

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