Tagblatt Online, 13. Februar 2012 16:39:00
Beizen locken mit Reizen
Dekorationsfasnacht
Fasnachtshöhle in frühlingshaftem Grün in der Guacci's Bar, in der die Tradition der Dekorationsfasnacht seit 17 Jahren gepflegt wird. (Bild: Urs Bucher)
Die Dekorationsfasnacht ist in St. Gallen auf neun Lokale geschrumpft. Viele Wirte haben sie aufgegeben, andere wagen einen neuen Versuch. Die einen setzen auf verhüllte Räume, die andern auf weniger verhüllte Damen.
JOSEF OSTERWALDER
Die dekorierte Beizenszene ist geschrumpft, befindet sich noch zwischen dem «Ritter» bei der Vonwilbrücke und dem «Cubanita» an der Buchentalstrasse, für den Partygänger an einem Abend leicht zu schaffen. Alle neun Lokale haben sich in bunte Höhlen verwandelt, das Tageslicht ausgesperrt, die Mehrzahl lockt mit Bildern von lockeren Damen.
Wer den Fasnachtsrundgang beim «Ritter» beginnt, findet das Thema «Playboy», entsprechende Poster und eine Bardame mit aufgestellten Bunny-Ohren. Mitten im Raum eine Stange. Striptease? «Nein, Tanz!», betont der Wirt.
Die Stange fällt auch an der Grenzstrasse auf, in «Ronaldo's art lounge bar», die der Wirt mit Aktgemälden und Starfotografien geschmückt hat. Den Service besorgen zwei Gymnasiastinnen aus dem Aargau, die während der Sportferien ihr Sackgeld aufbessern. Und ihre Show? «Völlig anständig», betonen sie; «wir sind in einem Zürcher Tanzclub und zeigen, was wir dort gelernt haben.»
Erotik und Satyrn
Blinkende Lichter an den Türen und an einzelnen Fenstern der oberen Stockwerke. In der Bodega Ramón steht «Erotic Club» über dem Eingang. Stange, spärliches Licht, laute Musik, das Lokal hält, was der Name verspricht.
«Während der Fasnacht Striptease» steht an der Türe der Party Bar im Linsebüel, «Tabledance- Girls» in der Aventura Bar an der Brauerstrasse – das ist die eine Richtung, in die sich die Fasnacht entwickelt hat. Eine andere schlägt der Wirt des «Cubanita» ein. Er hat sich die Attrappe eines blanken Frauenbusens vor die Brust und eine ebenso nackte Po-Attrappe an den Hintern gehängt. In solcher Aufmachung führten die alten Griechen jeweils ihre Satyrspiele auf. Bei ihren Festspielen gab es jeweils nach drei Dramen eine saftige Slapstickkomödie. Komödiantische Abwechslung in den Dramen des Alltags, dies scheint eine Wurzel der Fasnacht zu sein.
Ersetzt das Handy die Beiz?
Eher im traditionellen Sinne sind die «Morgensonne» und das «Why Not», beide im Linsebüel, dekoriert. «Lollipop» heisst das Thema im einen, «Lustig ist das Zigeunerleben» im andern Lokal. In beiden sind Damen aus dem Ausland engagiert. «Jetzt bin ich schon das siebte Mal an der Ostschweizer Fasnacht», sagt die Wienerin mit der freizügig geöffneten Bluse. «So was gibt es bei uns in Österreich nicht.» Auch das bringt der Bummel von Lokal zu Lokal: Kunde aus unterschiedlichen Fasnachtstraditionen. Die nigerianische Wirtin in der Bodega Ramon erzählt vom Brauchtum in ihrer Heimat: «Es waren Nigerianer, die den Karneval nach Brasilien brachten.»
Gibt es eine Erklärung, dass die Nachfrage nach dekorierten Lokalen schwindet? Daniel Rohner vom «Why Not» meint, dass es an den vielen Fernsehkanälen liege. Und noch mehr am Handy: «Wer plaudern will, kam früher in die Wirtschaft, heute nimmt er das Telefon zur Hand.»
Ein Vorstadtphänomen
Es gibt noch einen andern Grund. Die dekorierten Beizen entwickelten sich in den katholischen Vorortgemeinden, Tablat und Straubenzell, während die reformierte City solcher Fasnacht skeptisch gegenüberstand. Heute aber wird die Beizenfasnacht kaum noch als katholische Vorortspezialität wahrgenommen.
Droht der Dekorationsfasnacht das Aus? «Bei uns sicher nicht», sagt Cornelia Paukat-Guacci, die ihre Guacci's Bar an der Rorschacher Strasse jedes Jahr anders gestaltet, dieses Mal als hellgrüne Höhle namens «Poison».
Bekömmliches Gift
Allerdings ein bekömmliches Gift «Die Frauen, die hier bedienen, sind Freundinnen aus dem Quartier, die einfach den Plausch haben, an der Fasnacht etwas anderes zu erleben.» Dazu gehöre die Show, die hinter der Theke abgeht. «Als frühere Choreografin der Cheerleader liegt mir das.» Hier hat Frau Fasnacht ihren eigenen Stil gefunden.
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