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Tagblatt Online, 11. Oktober 2008 13:50:00

Als Ottmar Hitzfeld aus der «Unteren Waid» abhauen wollte

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Heimatlos und entwurzelt fühlte sich Ottmar Hitzfeld (ganz rechts) in der «Unteren Waid». Links sein Vater im Gespräch mit Pater Johann Eberle.

MÖRSCHWIL. Fürs WM-Ausscheidungsspiel gegen Lettland kehrt Ottmar Hitzfeld in die Ostschweiz zurück. Unbekannt ist die ihm nicht. Kurze Zeit besuchte er das Gymnasium Untere Waid in Mörschwil. Und starb fast vor Heimweh.

markus wehrli

Dieses unerträgliche Heimweh. Als Ottmar Hitzfeld Mitte April 1961 von seiner Heimatstadt Lörrach ans Gymnasium Untere Waid in Mörschwil geschickt wird, hat er seine Fussballschuhe im Gepäck. Bis zum Sommer hält er es aus. Dann packt er die Schuhe wieder ein. «Die Zeit an der <Unteren Waid> war die schlimmste meines Lebens», resümiert Hitzfeld im Trainingslager für das WM-Ausscheidungsspiel in St. Gallen.

Den damals 12jährigen beutelte das Heimweh. Nicht irgendeines, sondern das grobe. Jene Wochen am Gymnasium haben tiefe Spuren in der Seele des heutigen Trainers der Schweizer Fussballnationalmannschaft hinterlassen. Als Trainer des FC Bayern München fährt er 40 Jahre später oft auf der Autobahn über St. Gallen nach Lörrach. Bei Mörschwil fällt sein Blick auf das Gymnasium. Dann beschleicht ihn wieder dieser Schmerz. «Es war das Gefühl absoluter Entwurzelung, das ich damals hier erlebte.»

Hitzfeld sollte Priester werden

«Es ist eigentümlich, dass die kurze Zeit, die Hitzfeld als junger Mensch hier war, ihn auch heute noch so beschäftigt», sagt Pater Peter Meier vom Gymnasium Untere Waid. Pater Meier besuchte zur selben Zeit wie Hitzfeld das Gymnasium, damals noch «Missions-Gymnasium Untere Waid» genannt.

Meier ist dem Gymnasium treu geblieben. Er wurde später für lange Jahre dessen Leiter. Im Internat der 60er-Jahre waren die jungen Menschen von Ferien zu Ferien ununterbrochen zusammen. Und lernten sich kennen. Pater Meier erinnert sich gut an Hitzfeld. «Seine besondere Beziehung zum Fussball war offensichtlich.» Hitzfeld habe sich in der Freizeit und an den Wochenenden oft auf dem Fussballfeld der Unteren Waid aufgehalten. Entweder zum gemeinsamen Fussballspiel mit andern. Oder aber allein, ganze Sonntagnachmittage lang, nur mit dem Ball.

Hitzfeld sollte Priester werden. Dies war der Wunsch seiner Mutter. Und der Grund, weshalb er ins Missions-Gymnasium geschickt wurde. Seinen Eltern sei klar gewesen, dass es einen Seiltanz geben würde, ihn zu einem Studienaufenthalt in der Ostschweiz zu bewegen, erinnert sich Hitzfeld in einer zu ihm erschienenen Biographie. Sie hätten den Plan aber geschickt eingefädelt. Denn die Eltern brachten Bekannte dazu, deren Sohn – einen damaligen Mitschüler Hitzfelds – ebenfalls nach Mörschwil zu schicken. Hitzfeld zeigte sich schliesslich einverstanden. Denn insgeheim erhoffte er sich im Internat mehr Freiheiten, als diese ihm zu Hause gewährt wurden.

Enttäuschte Hoffnungen

Im April 1961 war es so weit. Die Eltern begleiteten den Jungen nach Mörschwil. Aber dann war der 12jährige allein. Inmitten fremder Menschen und mit einem Internatsleben konfrontiert, das in keiner Weise seinen Hoffnungen entsprach. Bereits am 18. April schickt er eine Postkarte nach Hause, schildert den Tagesablauf im Missionshaus. Dieser ist der damaligen Zeit entsprechend hart. Und dieses Heimweh, es ist jetzt da.

Fast depressiv vor Heimweh

«Es ist keineswegs so, dass am Internatsbetrieb oder an der Leitung des Missionshauses etwas nicht in Ordnung war. In dieser Hinsicht war alles bestens», blickt Hitzfeld heute zurück. An der für ihn unerträglichen Situation damals änderte dies nichts. Das Heimweh frass den jungen Lörracher buchstäblich auf. «Ich war todunglücklich, fast depressiv.»

Ein auf den 20. Juni datierter Brief an seine Eltern schildert den Druck, unter dem der 12jährige gestanden haben muss. Zu diesem Zeitpunkt ist bereits entschieden, dass Hitzfeld das Missionshaus wieder verlassen kann. In die Waid gehe er nicht mehr, schreibt er. «Das mache ich nicht noch einmal mit, was ich bis jetzt hier durchgemacht habe.» Und: «Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, wenn ich wieder zu Hause bin.» Hitzfeld muss im stillen gelitten haben. Denn er habe sich von all dem nichts anmerken lassen, schreibt er weiter.

Der Sturmlauf zum Direktor

Oder etwa doch? Dass er aus dem Missionshaus austreten konnte, geht auf einen veritablen Sturmlauf zum damaligen Direktor zurück. «Pater Direktor, wenn meine Eltern nicht nächstes Wochenende kommen und mich heimholen, dann haue ich ab. Ich mache Autostopp und schlage mich auf eigene Faust nach Lörrach durch. Wenn was passiert, dann sind Sie ganz allein schuld.»

Hitzfelds Auftritt wirkte. Er konnte von seinen Eltern dazu bewogen werden, bis zu den Sommerferien zu bleiben. Später besuchte er das Gymnasium in Lörrach. Heute sind er und die Nati in der AFG Arena anzutreffen. Hitzfeld wird die Ostschweiz hoffentlich mit angenehmen Gefühlen verlassen.




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