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Tagblatt Online, 30. September 2011 06:19:00

«SVP verliert, SP gewinnt»

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Stimmt wieder an der Urne ab, weil der «dem ganzen nicht traut»: Claude Longchamp zu Besuch im Tagblatt-Druckzentrum in Winkeln. (Bild: Ralph Ribi)

Drei Wochen vor den Wahlen bereits erfahren, wer ins Stöckli, wer in die grosse Kammer zieht? Da hilft die Wahrsagerin. Oder gfs-Chefanalytiker Claude Longchamp. Der nahm bei seinem Besuch in St. Gallen trotz Fehlbarkeit einiges vorweg.

ANDREAS NAGEL

Die Fliege ist heute schwarz-gelb. Was am 23. Oktober nicht auf einen Wahlsieg der BDP schliessen lasse. Solches war ihm, der seit 24 Jahren für das Schweizer Fernsehen jeweilen mit grosser Geste die Wahl- und Abstimmungsergebnisse deutet, nach Wahlsendungen auch schon angedichtet worden: Fliegenfarbe gleich Hinweis auf Gewinnerpartei.

«Unsinn», stellt Claude Longchamp, Chef des Umfrageinstituts gfs Bern, am Mittwoch klar. Nur: Wer einen derartigen Kult um seine Fliege betreibt (siehe auch Internetauftritt), muss sich nicht wundern, wenn sie zuweilen von der Analyse ablenkt.

Pause zum Rasieren

Ja, Longchamp ist ein Star. Eine Marke. Kein Abstimmungs- und erst recht kein Wahlsonntag, an dem der Historiker und Politikwissenschafter mit Lehrauftrag auch an der HSG nicht über die Deutschschweizer TV-Bildschirme flimmert. Und selbst die Fehlprognose bei der Minarett-Initiative («Wir stehen nach wie vor vor einem Rätsel»), die ihm zwar viel Spott eintrug, konnte dem Herausgeber der Vox-Analysen letztlich nur kurz etwas anhaben. Der Schweizer «Umfrage-Papst», zu dem ihn der Boulevard erhoben hat, sitzt wieder fest im Sattel und wird die Stimmbürger am kommenden 23. Oktober gleich elf Stunden lang (siehe Kasten) durch den Wahlsonntag begleiten. Mit lediglich 60 Minuten Pause, «die ich zum Rasieren brauche», wie Longchamp an der Veranstaltung der Public Relations Gesellschaft Ostschweiz (Prol) berichtet.

Eingeladen war der Meinungsforscher, um Einblicke in seine Methode zu geben, die Wahlkampfthemen 2011 zu beleuchten und das eine oder andere Wahlergebnis vorwegzunehmen. Zum Ausgang der Wahlen im Kanton St. Gallen werde er sich nicht äussern, stellte Longchamp gleich zu Beginn fest. Er tat es, in Ansätzen zumindest, dann aber doch.

Keine grossen Verschiebungen

Die jeweils für das SRG-Wahlbarometer durchgeführten 2000 Interviews liessen keine Aussagen für die Kantone, sehr wohl aber für die Schweiz zu. Und da werde sich wenig ändern. Ganz sicher nichts in der Reihenfolge der grössten Parteien im Land. Konkret: Die SVP wird etwas verlieren, die SP ein wenig zulegen, die FDP etwas mehr verlieren und die CVP in etwa gleich bleiben, so Longchamp. Die spannendste Frage am 23. Oktober laute ohnehin: Erringt rot-grün-schwarz (mit letzterem ist die CVP gemeint) die Mehrheit im Parlament? «Wenn ja, dann entscheiden sie die Bundesratswahl im Dezember.» Was Bundesrätin Widmer-Schlumpf bis dahin einen etwas ruhigeren Schlaf bescheren könnte.

Für die St. Galler Ständeratswahlen spricht Longchamp von einer «äusserst spannenden» Ausgangslage. Eine Entscheidung falle aber kaum schon im Oktober, weil Toni Brunner wie schon 2007 das absolute Mehr nicht im ersten Wahlgang schaffe. «Und dann kommt es auf CVP und FDP an. Finden sie sich, heissen die St. Galler Ständeräte ab 2012 Karin Keller-Sutter und Eugen David.» Trete rot-grün, wenn nicht zu sehr abgeschlagen, noch einmal an, könne dies Toni Brunner zum Einzug ins Stöckli verhelfen.

Aber wie Claude Longchamp die Erfahrung gelehrt hat: «Im Gegensatz zum richtigen Papst ist der <Umfrage-Papst> fehlbar.»





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