Tagblatt Online, 16. April 2011 08:06:00
«Die Piazza bleibt ein Traum»
Piazza-Gefühle kommen bei Kunst- und Kulturwissenschafter Peter Röllin keine auf, wenn er die Neugestaltung von Marktplatz und Bohl studiert. Der öffentliche Verkehr störe. Derweil träumt er von einem Café an der Adresse Marktplatz 1.
Herr Röllin, auf dem Bohl soll eine Piazza entstehen. Was macht einen Platz zum Platz?
Peter Röllin: Ein Platz lebt und entsteht durch die stadträumliche Fassung von privaten und öffentlichen Häusern. Entscheidend ist aber auf einem Platz, dass die Bürger darauf Platz nehmen. Dadurch lebt ein Platz. Plätze für die Öffentlichkeit existieren erst seit dem Spätmittelalter. Seither sind sie eine Selbstverständlichkeit. Der Bohl ist allerdings nur beschränkt ein Platz. Er funktioniert auch nur beschränkt als solcher.
Inwiefern?
Röllin: Das erklärt sich vor allem aus der Stadtentwicklung: Der Bohl hat sich historisch als Aufschüttung des Stadtgrabens ergeben. Er ist als räumliche Stadterweiterung in Richtung St. Mangen nach dem Brand von 1418 entstanden. Marktplatz und Bohl sind eher als eine breitere Naht zu verstehen. Verwandte Situationen gibt es in Bern mit dem Waisenhaus-, dem Bären- oder dem Kornhausplatz.
Wo kommen bei Ihnen in St. Gallen «Piazza»-Gefühle auf?
Röllin: Wenn ich mir die räumliche Situation vorstelle und an «Platznehmen» und «Platzleben» denke, dann gibt es einen Platzhalter Nummer 1: Die Bank CA mit der Adresse Marktplatz 1. Optimal wäre – die Bank verzeihe den Gedankensprung – ein im Erdgeschoss rundum offenes «Caffè Centrale» mit Tischen Richtung Amtshaus, Vadian und zur neuen Markthalle. Das sind besonnte Plätze. Beim Bohl dagegen ist Flanieren vor allem auf der Schattenseite möglich.
Wie schätzen Sie die Chance ein, dass der Bohl zum Flanierraum wird und eine Piazza entsteht?
Röllin: Wenn die Haltestelle aufgehoben und der Bohl von Bahn und Bussen durchfahren wird, ist das undenkbar. Ich möchte auf die Erfahrungen in Zürich hinweisen, wo 2004 der Limmatquai autofrei wurde. Der dortige schmale Freiraum, der von Trams durchfahren wird, konnte sich nicht zu einer Flaniermeile entwickeln. So wird es auch auf dem Bohl sein. Der öV verunmöglicht das freie Überqueren und Verweilen an diesem Platz. Die Fahrspuren führen ausgerechnet über die besonnte Nordflanke des Platzes. Im Endeffekt wird der Bohl unruhiger, als er heute ist.
Obwohl der Privatverkehr wegfällt?
Röllin: Ja. Man müsste die Haltestelle am Bohl belassen. Anhalten und Wegfahren bringt mehr Ruhe als das blosse Durchfahren von Bussen und Bahn. Es ist schwer verständlich, dass der funktionierende Umsteigeplatz des öV aufgehoben wird, weil man zwei bis drei Grossanlässe im Jahr durchführen will.
Ihr Verhältnis zur Calatrava-Halle?
Röllin: Voran steht meine Erfahrung, dass der Bohl als Warte- und Umsteigeraum bis heute bestens funktioniert. Natürlich steht die Calatrava-Halle wie ein schönes, mediterranes Krustentier im Raum. Sie ist ein starkes Stück Architektur, das dringend eine Anbindung braucht – zum Beispiel durch Bäume. Es ist sehr abstrakt zu glauben, man räumt etwas aus und hat dann eine Piazza. Zudem fehlt dem Bohl auch die städtebauliche, architektonische Stärke.
Wie beurteilen Sie die Gebäude, die den Bohl umrahmen?
Röllin: Gute Bauten stärken jeden Platz. Seit dem Abbruch von Kunklers Stadttheater 1971 hat der Bohl seine architektonische Stärke weitgehend verloren. Das Waaghaus macht das nicht wett. Der Bohl ist in den 1960er-, 70er-Jahren stark banalisiert worden. Trotz einzelner Aufwertungen wie dem Bata- oder dem Merkur-Gebäude hat er nie die frühere Stärke zurückerlangt. In einer Ecke – zwischen Bata, Wegelin und Waaghaus – sieht man, wie ein Platzgefühl im kleinen funktionieren könnte. Hier wäre die Geborgenheit gross, wäre da nicht der Durchgangsverkehr.
Könnten Bäume und Pflanzen Geborgenheit schaffen?
Röllin: Der Bohl wäre dafür ideal gewesen. Durch Bäume hätte die jetzige Situation aufgewertet werden können. Doch man will wie gesagt nur Platz und Wände für ein paar Feste. Der Raum muss aber vor allem im Alltag funktionieren. Alltag ist Passieren, Einkaufen, Flanieren, auf den Bus warten, Geschäfte erledigen und die schönen Ecken aufsuchen, die zum Verweilen einladen.
Welche Bedeutung kommt innerhalb der Platz-Abfolge dem Marktpavillon zu?
Röllin: Die Markthalle wird zu einem starken öffentlichen Magnet. Die Markthalle ist gut, sogar sehr gut. Aber warum mussten St. Gallerinnen und St. Galler Jahrzehnte darauf warten – nur wegen der Tiefgarage? Und warum brauchte es nun fast 150 Jahre seit den ersten Plänen bis zur heutigen Realisierung?
Sie dürfen als Auswärtiger nicht abstimmen. Trotzdem: Ja oder Nein?
Röllin: Das «Ja» zur Markthalle würde es mir schwer machen, auch «Ja» zum Combi-Pack Tiefgarage und Bohl zu sagen. Das Problem liegt im politisch geschnürten Paket.
Ein Fortschritt ist die Neugestaltung aber schon...
Röllin: Es ist ein Fortschritt mit zwei grossen Nachteilen: der Parkgarage und der Aufgabe der Bushaltestelle Bohl samt Calatrava. Die Vorlage bietet grosse Chancen für die Aufwertung dieser zentralen und für die Öffentlichkeit so wichtigen Raumfolge. Aber sie ist in Teilen ungenügend durchdacht. Konkret: Die besagten Träume vom Verweilen und von der freien Piazza werden sich nicht voll verwirklichen. Der Bohl ist in erster Linie ein Durchgangsraum des öV und wird es auch bleiben. Das, was man sucht, wäre um die Bank CA zu finden.
Interview: Christina Weder
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